Der letzte Vorhang

Schon, wenn man in Buenos Aires die Gangway hinunterklettert, wird einem schlagartig bewusst, dass man sich seit Besteigen des Flugzeugs in Ushuaia stattliche 3000 Kilometer nach Norden bewegt hat: Draußen herrschen 30 Grad und strahlender Sonnenschein, während der Flughafen selbst von Menschen in leichter Sommerkleidung bevölkert wird.

Nach der allgegenwärtigen patagonischen Kälte in den letzten Wochen stellt der hiesige Hochsommer eine höchstwillkommene Abwechslung dar, zumal Buenos Aires seinem Namen alle Ehre macht: In den Straßen weht tatsächlich ein beständig frischer Wind, der die brütende Hitze überaus erträglich macht.

Fünf Tage bleiben unserer kleinen Gemeinschaft, um die argentinische Hauptstadt zu erkunden, bevor es nach vierzehn Wochen Südamerika-Reise Freitag zurück in die Heimat geht. Während ich bei all den anderen Hauptstädten vormals eine grobe Idee hatte, was uns erwarten könnte, handelt es sich für mich bei Buenos Aires um ein bis dato völlig unbeschriebenes Blatt. Irgendwie ist das ein Punkt, der mich in letzter Zeit des Öfteren beschäftigt: Wenn wir nicht gerade den bolivianischen Präsidenten an der Heimreise hindern oder der Karneval in Rio tobt, finden sich Meldungen über Südamerika nur äußerst selten in den deutschsprachigen Medien. Schon erstaunlich, wo es sich doch um einen riesigen Kontinent handelt, der auch wirtschaftlich zunehmend bedeutsamer wird. Während uns bei den Städten New York, Moskau oder Shanghai sofort eine Vielzahl an Bildern in den Sinn kommt, bleibt die Leinwand des Kopfkinos beim Themenabend Südamerika vergleichsweise leer.

Da sich das Leben der einheimischen Porteños in den Straßen und Cafés abspielt, lernt man die argentinische Metropole am besten kennen, indem man sich den Stadtplan greift, um kreuz und quer durch die Viertel zu stromern. Dabei ist wirklich jeder einzelne Stadtteil ein kleiner Kosmos für sich: Das historische Zentrum mit seinen breiten Boulevards voller blühender Jakaranda-Bäume und den protzigen Belle Epoque-Gebäuden, die einen an Paris in den 20er Jahren erinnern. Das alte Arbeiterviertel La Boca mit seinen bunt bemalten Häusern, Restaurants und Tangotänzern, die täglich hunderte Touristen in die Gegend locken. Das ruhige Palermo mit seinen baumbeschatteten Straßen, in denen sich unzählige Kunstgalerien, Bars und Lädchen aneinanderreihen. Und so bleibt man beim Betreten eines weiteren Viertels ein ums andere Mal unwillkürlich stehen und bewundert den großen, imaginären Regisseur für die neue farbenfrohe Kulisse.

Ich glaube, zwei Orte dieser einzigartigen Stadt am Atlantik haben mich besonders fasziniert: Da wäre zunächst der Friedhof La Recoleta, auf dem neben der weltberühmten Evita Perón auch zahlreiche Politiker, Kriegshelden und Poeten Argentiniens begraben liegen. Die Nekropole mit ihren Mausoleen und ihren traurigen Engeln aus Stein gleicht einer stillen Oase, eingerahmt vom quirligen Leben der Großstadt ringsumher. Es wird behauptet, in La Recoleta begraben zu werden, sei noch wesentlich kostspieliger als der Erwerb eines der begehrten Luxusappartements im neu gestalteten Hafen Puerto Madero.

Der zweite anbetungswürdige Ort ist die altehrwürdige Buchhandlung El Alteneo in der Avenida Santa Fe. Unmengen von Büchern der unterschiedlichsten Couleur wurden stilvoll in einem alten Theater untergebracht, so dass man auf der Suche nach einem bestimmten Werk durch Logen und Säulengänge schreitet. Kann es einen schöneren Platz auf dieser Welt geben?

Ach, die vielfältigen Geschichten und Eigenheiten von Buenos Aires sprengen einfach komplett den Rahmen eines normalen Reise-Artikels. Wahrscheinlich hat man sich nur hier in der argentinischen Hauptstadt dazu entschlossen, den Präsidentenpalast in einem zarten Rosa anzupinseln. Genauso originell wie die Fassade selbst wirken übrigens auch die obskuren Theorien zu den Gründen für die Farbwahl der Casa Rosada – wobei es sich tatsächlich um den offiziellen Namen handelt.

Im krassen Kontrast dazu wird die Plaza de Mayo vor dem Gebäude völlig unmalerisch von einem soliden Metallzaun zerteilt. Der Grund dafür ist erstaunlich: In Buenos Aires finden monatlich im Schnitt 22 Demonstrationen statt. Unter lautem Trommelwirbel und wildem Fahnenschwenken ziehen die jeweiligen Demonstranten über die breiten Alleen in Richtung Casa Rosada für eine mehr oder minder ausgedehnte Abschlusskundgebung. Jedes Mal, wenn sich eine dieser Demonstrationen dem Präsidentenpalast nähert, werden die Tore im Schutzzaun geschlossen und der Palast ist somit abgeschirmt. Allein während unseres kurzen Aufenthaltes in der Hauptstadt werden wir Zeuge von sechs dieser farbenfrohen Veranstaltungen. Seit den dunklen Tagen der argentinischen Militärdiktatur wird das Recht auf Demonstrationsfreiheit hier tatsächlich sehr ernst genommen. Tja, und wenn halt ein einzelner Bürger auf den Gleisen der U-Bahn gegen seine Entlassung protestiert, dann wird die Polizei an Ort und Stelle zwar für Ordnung sorgen, aber diese Ein-Personen-Demo ganz gewiss nicht auflösen. Bis der Mitbürger seine Kundgebung beendet, fährt halt keine U-Bahn und niemand kommt zur Arbeit. Im besten Fall können die hundert Pendler auf dem Bahnsteig den einsamen Demonstranten dazu bewegen, sein Bürgerrecht an weniger exponierter Stelle auszuüben. La vida loca!

Doch auch das bunte und lebensfrohe Buenos Aires kämpft mit ernsten Problemen. Die Obrigkeit will es zwar nicht zugeben, aber das Land krankt an einer Inflationsrate von beängstigenden 30%. Gerade die Porteños in der Hauptstadt können momentan praktisch dabei zusehen, wie ihr Geld täglich an Wert verliert. Um ihre Rücklagen in Sicherheit zu bringen, tauschen die Menschen ihr Erspartes daher in US-Dollar, das in Argentinien praktisch zu einer parallelen Währung mutiert ist. Um der ganzen Situation Herr zu werden, ist es den Einheimischen inzwischen gesetzlich verboten, Ersparnisse in Dollar anzuhäufen. Auf legalem Wege ist es für die Menschen daher unmöglich, in den Besitz von US-Währung zu gelangen. Das Ganze hat zur Folge, dass es in Buenos Aires einen florierenden Schwarzmarkt für die begehrten Dollar- und Euro-Noten gibt. Bekommt man mit dem offiziellen Wechselkurs für einen Dollar gerade mal sechs Pesos, so sind es auf dem Schwarzmarkt mittlerweile zehn bis elf!

Die Situation hier ist wirklich bizarr: Unter den Augen der Polizei stehen in der Calle Florida, der örtlichen Fußgängerzone, dutzende recht zwielichtiger Gestalten herum und raunen den Touristen im Vorübergehen „Cambio, Cambio!“ zu. Zeigt sich ein Reisender tauschwillig, wird er in ein unscheinbares Büro in einer Nebenstraße geleitet, wo der illegale Wechsel stattfindet. Völlig risikolos ist die ganze Aktion jedoch leider nicht: Immer wieder werden den Touristen Blüten angedreht oder man bekommt gleich nach Verlassen der Wechsel-Kaschemme eins über den Schädel gezogen. Die ganze Inflations-Misere hat nämlich auch den unangenehmen Nebeneffekt, dass sich die Sicherheitslage in Buenos Aires nicht gerade verbessert hat.

Doch selbst, wenn man in der Stadt des ewigen Sommers ein wenig auf sich achtgeben muss, so bin ich doch hin und weg von der allerletzten Station unserer Reise – obwohl wir doch schon einen ganzen Beutel voller Eindrücke im Gepäck haben! Ich habe in der Vergangenheit vier verschiedene Hauptstädte Südamerikas kennengelernt: Ich war im lauten, geschäftigen Lima mit all seiner Geschichte unterwegs. Ich habe mich tagelang durch das bunte, fröhliche Chaos von La Paz treiben lassen und danach die gemächliche Lebensart in Santiago kennengelernt. All diese Städte sind mit absoluter Sicherheit eine Reise wert, doch in meinen Augen kann es keine von ihnen mit dem wundervollen Buenos Aires aufnehmen. Es gibt in dieser Stadt mit ihren pompösen Gebäuden so unendlich viel zu entdecken, stets umweht von der namensgebenden frische Brise der Stadt.

Am Abend vor Abflug haben uns Ada und Valentyn, denen das Hostal gehört, netterweise zu einer echt argentinischen Abendmahlzeit eingeladen. Nach Einbruch der Dunkelheit sitzen daher drei Menschen und zwei Pulpos in der großen gemütlichen Küche unserer Herberge und plaudern in einem lustigen Mix aus Englisch, Deutsch und Spanisch über das Leben diesseits und jenseits des Atlantiks. Nach all den Dingen, die sich in den vergangenen Monaten ohne unser Zutun überaus glücklich gefügt haben, ist es mit Sicherheit der perfekte Abschluss unserer langen, langen Reise von Lima bis nach Feuerland. Als die beiden schon längst in ihren Betten verschwunden sind, hocken Trudi, Oleg und ich noch ein wenig zusammen und kümmern uns um die letzten Reste in der Rotweinflasche. Es ist unser letzter gemeinsamer Abend und jeder genießt auf seine Art und Weise die finalen Stunden als Teil unserer verschworenen Reisegruppe. Meine beiden Pulpos eröffnen mir, dass sie sich nach unserer Rückkehr eine kleine gemeinsame Wohnung irgendwo im Münsterland suchen werden. Die Monate zwischen Wüsten, Wellen und Gletschern scheinen die beiden nun vollends zusammengeschweißt zu haben. Welch schönes sechzehnarmiges Happy End, bevor der letzte Vorhang fällt!

So also enden unsere Abenteuer im fernen Südamerika mit fünf herrlichen Sommertagen, einem argentinischen Abendessen und dem Zusammenzug zweier Tintenfische. Und während ich hier sitze, die letzten Ereignisse von Buenos Aires für euch zusammenfasse und dabei auf den fertig gepackten Rucksack schaue, stellt sich die unweigerliche Frage: Was bleibt nach 100 Tagen Reise auf diesem unglaublichen Kontinent? Ich glaube, ich kann momentan noch gar nicht richtig erfassen, was ich hier eigentlich erlebt habe. Momentan weiß ich nur eines mit Sicherheit: Ich hatte das unwahrscheinliche Glück, eine einzigartige Reise unternehmen zu dürfen. Ich habe in den letzten Monaten die unterschiedlichsten Menschen, Geschichten und Orte erlebt, mit denen sich ganze Bücher füllen ließen. Ich habe unterwegs gelacht, geflucht, Angst gehabt und hatte viel, viel Zeit zum Nachdenken. Und ich kann mit Sicherheit sagen, dass unsere Südamerika-Expedition ohne diesen Blog völlig anders verlaufen wäre. Wenn man dermaßen lange mit sich selbst unterwegs ist, dann bleibt es einfach nicht aus, dass man sich hin und wieder ein wenig vereinsamt fühlt. Schließlich brauchen selbst meine beiden redseligen Pulpos gelegentlich ein wenig verturtelte Zweisamkeit. In eben diesen Stunden war das Reisetagebuch mit all seinen Besuchern und Kommentaren für mich immer ein wichtiger und willkommener Anker. Daher gilt meine tiefe Verbeugung und mein verzückter Dank all jenen Menschen, die mich auf diese Weise in den letzten Monaten unterstützt haben und in Gedanken mit uns zusammen unterwegs waren!

Mit einer prall gefüllten Schatztruhe voller Erfahrungen im Gepäck freue ich mich nun einfach nur noch unbändig, morgen früh in die Heimat zurückzukehren. Bevor die Protagonisten unserer kleinen Erzählung ihre Seepferde satteln und in den glutroten Sonnenuntergang reiten, habe ich eigentlich nur noch einen einzigen Wunsch: Einen sicheren Rückflug über den Atlantik und ein baldiges Wiedersehen mit all meinen Lieblingsmenschen drüben in Europa. Hasta luego!

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