La Paz bei 85 Grad

La Paz – Die Stadt in der Höhe. Nachdem mich die bolivianischen Mikroben für zwei Tage auf die Matte geschickt haben, machen wir uns endlich auf den Weg in die höchstgelegene Hauptstadt der Welt. Bereits auf der vierstündigen Busfahrt durchs Altiplano erinnert mich Südamerika mal wieder äußerst charmant daran, wie unterhaltsam und unvorhersehbar das Reisen auf diesem Kontinent doch sein kann: Schon im Zuge der Routenplanung habe ich festgestellt, dass alle Reisebusse auf dem Weg von Copacabana nach La Paz an einer Engstelle mittels Schiffsverkehr den Titicacasee überqueren müssen. Aber was uns hinter der letzten Kurve am kleinen Fährhafen erwartet, erinnert irgendwie ein wenig an Tom Sawyer und Huckleberry Finn auf dem breiten Mississippi: Die Fahrgäste werden aus dem Bus gebeten und in kleinen Motorboten übergesetzt. Ganz anders die Autos und Busse: Alle Vehikel werden nach und nach auf recht archaisch anmutende floßartige Gebilde aus Holz und Stahl verladen. Um die ersten paar Meter vom Ufer wegzukommen, nutzen die Floßführer lange Holzstangen, bevor die komplette Blechfracht per Dieselmotor auf die andere Seite geschippert wird. Ein Reisebus auf einem einfachen Floß ist schon ein recht befremdlicher Anblick. Im Kopfkino läuft derweil ein sehr realitätsnaher Katastrophenfilm, in dem die ganze Floß-Konstruktion publikumswirksam kentert und unser schicker Bus (mitsamt meinem Rucksack) auf Nimmerwiedersehen in den Tiefen des Titicacasees verschwindet. Wahrscheinlich ist dieses statistische Restrisiko auch der Grund dafür, dass die Passagiere in echten Booten ans andere Ufer des Sees gebracht werden. Wie bei allen maritimen Unternehmungen sind Oleg und Trudi auch hier mal wieder kaum zu bändigen und verzichten auf jegliches Beförderungsangebot. Mit einem lauten Schrei stürzen sie sich in den See und erreichen noch vor allen anderen nass und glücklich den jenseitigen Anleger. So finden sich schließlich Floß, Bus und die gesamte Reisegruppe wohlbehalten am anderen Ufer ein. Gute zwei Stunden später nähert sich unser Bus endlich der Hauptstadt Boliviens.

La Paz ist wirklich eine Hauptstadt der Extreme: Nur hier überwindet man innerhalb des Stadtgebietes einen Höhenunterschied von über 1000 Metern. Nur hier misst die Startbahn des Flughafens El Alto ganze fünf Kilometer, damit die stählernen Vögel in der dünnen Luft überhaupt gewillt sind, sich vom Boden zu erheben. Und auch nur in dieser Hauptstadt kocht das Wasser in den heimischen Töpfen schon bei 85 Grad!

Als der Bus die letzte Hügelkette hinter sich gebracht hat, öffnet sich vor uns ein riesiger Talkessel, gefüllt mit dem typisch unübersichtlichen Gewirr an Straßen und Häusern einer südamerikanischen Großstadt. Ganz langsam schraubt sich unser Gefährt hinab und taucht ein in eine verwirrende Vielfalt aus optischen Eindrücken und unterschiedlichen Gerüchen, herbeigetragen vom rauhen Wind des Altiplanos. Eine halbe Stunde später stoppt unser Reisebus mitten im Herzen von La Paz.

Da es in Bolivien gute Tradition zu sein scheint, auf Reservierungsmails nicht zu antworten, dauert es drei steile Gassen hinauf und hinunter, bis ich ein vertrauenswürdiges Hostal für die nächsten Nächte gefunden habe. Das Gepäck wandert rasch in die nächste Ecke, denn ich und meine beiden Begleiter können es kaum erwarten, uns mit Boliviens Hauptstadt bekannt zu machen.

Ich will euch nicht mit den alten Kirchen und revolutionären Plätzen langweilen, die diese geschichtsträchtige Stadt ihr Eigen nennt. Natürlich stolpert man auch hier an jeder Ecke über historisch Bedeutsames, aber darüber zu schreiben, würde diesem Ort einfach nicht gerecht werden. Denn La Paz ist anders! Man spürt es sofort, wenn man aus dem Hostal auf die Straße tritt und die neue Umgebung auf sich wirken lässt. Doch eigentlich ist diese Umschreibung poetischer Mumpitz, denn genau genommen verschluckt einen nach drei Schritten einfach nur das bunte Chaos in den überfüllten Straßen des Zentrums. Die Stadt gleicht einem riesigen Ameisenhaufen, dem irgendwann aus Versehen die Königin abhanden gekommen ist. Sämtliche Bürgersteige fungieren als riesiger Markt, auf dem vom glückbringenden Lamafötus (muss man vergraben) bis hin zum Päckchen Batterien alles Notwendige für den täglichen Hausgebrauch angeboten wird. Dazwischen drängeln sich Esel, keuchende Lastenträger, bunt gewandete Frauen mit ihren kleinen Kindern und hungrige Straßenhunde, eingebettet in die allgegenwärtige Verkehrslawine Südamerikas. Doch wo man naturgemäß Stress, Hektik und den drohenden Kollaps erwarten würde, verhalten sich die Menschen stoisch und ruhig. Es ist ein Paradoxon: Für meine eingefahrenen westeuropäischen Maßstäbe hakt und klemmt es im öffentlichen Leben an allen Ecken und Enden. Und doch habe ich in den fünf Tagen hier nur äußerst selten unwirsche Menschen erlebt. Im Gegenteil: Es wird viel gescherzt und gelacht, während sich der Alltag in den Straßenschluchten in Zeitlupe seinen Weg bahnt. Und so spielen während unserer Zeit in La Paz Besichtigungen nur eine kleine Nebenrolle. Viel lieber spaziere ich mit meinen beiden Pulpos durch diesen ganz besonderen Ameisenhaufen, halte immer wieder inne und bewundere das allgegenwärtige charmante Chaos, das La Paz mit Leben füllt.

Ganz nebenbei bastelt die Reisegruppe natürlich auch an ihrer nächsten Reiseetappe. Da die Busfahrt nach Sucre zwölf Stunden dauert und es wohl eine nicht zu unterschätzende Anzahl an alkoholbedingten Verkehrsunfällen gibt, entscheiden wir uns einstimmig für das Flugzeug als nächstes Transportmittel. Die sicherste Airline vor Ort ist anscheinend Boliviana de Aviación, die staatliche Fluggesellschaft. Also tigere ich an einem wunderschönen Dienstagnachmittag in die hochoffizielle staatliche Geschäftsstelle, in der es zugeht, wie in einer echten Behörde. Am Eingang begrüßt mich ein Wachmann sowie ein gewaltiger Apparat für die Vergabe von Wartenummern. Das Großraumbüro ist gefüllt mit vielen wichtigen Menschen, die geschäftig hin und her wuseln, während über der ganzen Szene ein riesengroßes Bild des bolivianischen Präsidenten Evo Morales thront. Toll!

Okay, zuhause reißt man sich auch nicht gerade um einen Gang zum Bürgeramt, aber hier macht das Ganze einen Heidenspaß. Warum? Nun, da es sich um eine echte staatliche Institution handelt, kommt kein Mensch auf die Idee, mir im Englischen entgegenzukommen und so kann ich die spanische Wortschatztruhe mal wieder im verschärften Feldversuch öffnen. Das Ganze gestaltet sich dann allerdings äußerst einfach, da anscheinend selbst in den hiesigen Amtstuben rundheraus freundliche und bemühte Bolivianer arbeiten. Ach, ich mag sie einfach! Eine halbe Stunde später bin ich stolzer Besitzer dreier Flugtickets nach Sucre (ein Erwachsener, zwei Wirbellose) und ein paar neuer Vokabeln aus dem Büroalltag. Hey, vielleicht sollte ich morgen ein wenig den Schwierigkeitsgrad erhöhen und einfach mal beim bolivianischen Patentamt vorbeischauen. Solange keine unerfreulichen Vorkommnisse zugrunde liegen, erweisen sich Behördengänge wirklich als ein reizvoller, bunter Puzzlestein dieser Reise.

Den letzten Tag unseres Aufenthaltes verbringen wir mit einem Tagesausflug zur nahegelegenen Ruinenstadt Tiwanaku. Denn so reizvoll das Flair der bolivianischen Hauptstadt auch sein mag: Ganz ohne die Besichtigung dieser UNESCO-gewürdigten Trümmer wollen wir La Paz doch nicht den Rücken kehren. Am folgenden Abend sitzt die Reisegruppe in einer kleinen mexikanischen Taverne beisammen und tauscht sich über Eindrücke, Gedanken und Empfindungen der letzten Tage aus. Meine Begeisterung für die lokalen Behörden können meine beiden achtarmigen Freunde nicht so ganz teilen, aber auch sie sind völlig eingenommen von der lauten, durchweg sympathischen Seele dieser Stadt. Morgen früh besteigen wir das Flugzeug auf der fünf Kilometer langen Startbahn und heben ab in Richtung Sucre. In unseren Köpfen ist auch dieser Ort bislang nur ein verheißungsvoller Name auf einem schneeweißem Blatt Papier. Höchste Zeit weiterzuziehen und die Leere zu füllen!

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