Eine Reise in drei Akten

Nach 37 Stunden in Bus-, Bahn- und Flugzeugsitzen ist es vollbracht: Wir haben es vom Münsterland bis in die peruanischen Anden geschafft. Wenn ich ganz ehrlich sein soll, war der Reise-Enthusiasmus kurz vor Abflug doch ein wenig begrenzt: Zu viele Dinge zu erledigen, zu viel Chaos innen und außen, zu viel Kopfkarussell vorwärts und rückwärts. Trotzdem scheint das Unternehmen unter einem guten Stern zu stehen: Die Bahn spuckt uns auf die Minute pünktlich am Düsseldorfer Flughafen aus und der Flug gestaltet sich dermaßen angenehm, dass es sogar für eine Tiefschlafphase mit vielen bunten Träumen reicht. Und spätestens nach Ankunft in Lima, wo die neblige Morgendämmerung voll mit spanischen Wortfetzen hängt, fühlt die Welt sich gut und richtig an. Alles duftet verlockend nach Freiheit und Abenteuer!

Der erste Erfolg des noch jungen Tages: Dieses Mal kann ich der Zollbeamtin in Landessprache verständlich machen, was ich wie lange wo und warum in Peru vorhabe. Auch während der Taxifahrt ins Zentrum reicht das verbale Reisegepäck für einen kleinen Plausch mit dem Fahrer über Fußball und seinen dreijährigen Enkel. Völlig lustig: Ein typischer Dialog mit einem Peruaner beginnt fast immer mit der Frage nach der Herkunft. Okay, macht ja bei einem 1,90 Meter großen, blassen Europäer mit zwei Tintenfischen irgendwie auch Sinn! Wenn man sich dann als Deutscher outet, bekommt man in aller Regel ein Lob über den deutschen Fußball zu hören. An dieser Stelle sollte man fachlich sicher die Namen der beiden großen peruanischen Exil-Fußballer erwähnen: Jefferson Farfán und Claudio Pizarro. Hier in Peru weiß jedes Kind, dass der eine auf Schalke kickt, während der andere bei den Bayern seine Semmeln verdient. Das Wissen um die beiden großen Fußballsöhne des Landes sorgt beim Gesprächspartner in aller Regel für ein stolzes Glänzen in den Augen und hokuspokus hat man sich eine nette Unterhaltung gezaubert – so auch an diesem Morgen. Als nach dieser kurzweiligen Tour durch den selbstmörderischen Berufsverkehr der Kaffeevollautomat in der Busagentur auch noch vorzüglichen Milchkaffee serviert, bin ich mit mir und der Welt zufrieden. Viva Peru!

Der Rest des Tages ist ein Dahindämmern im bequemen Ledersitz während der achtstündigen Bustour nach Huaraz in den peruanischen Anden. Ich kann mich irgendwie noch dunkel daran erinnern, dass es zwischendurch was zu essen gab und Alec Baldwin auf Spanisch irgendwie seltsam klang. Es scheint wohl einen Geisteszustand zwischen wach und weg zu geben, in dem man noch Nahrung aufnehmen kann, einem aber jegliches Gefühl von Langeweile abhanden gekommen ist. Bis die Wissenschaft einen sinnigen Namen dafür gefunden hat, nenne ich es vielleicht einfach „abgemüsatt“: Die perfekte Symbiose aus abgelenkt, müde und satt.

Ach ja, abends um halb zehn in Huaraz darf die Reisegruppe dann noch feststellen, dass die Reservierung des Hostals aus unerfindlichen Gründen nicht ihren Weg ins allmächtige Reservierungsbuch gefunden hat. Irgendwie doof, wenn draußen schon die Bürgersteige hochgeklappt werden und es in den spärlich beleuchteten Straßen schon mächtig finster ist. Erfreulicherweise ist trotzdem ein Zimmer frei, so dass ich nicht bereits in der ersten Nacht in die Verlegenheit komme, die Tauglichkeit des Expeditionszeltes testen zu müssen. Unser Gemach wartet dann sogar mit zwei Betten auf, so dass Oleg und Trudi eine Koje ganz für sich allein haben und auch ziemlich schnell alle Tentakel von sich strecken. Tapfere kleine Pulpos! Und so endet der 37h Reisetag mit weichen Kissen für alle und den ersten fünf Punkten in der großen Abenteuer-Tabelle. Schlaft gut da drüben auf der anderen Seite des Atlantiks!

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16 Gedanken zu „Eine Reise in drei Akten

  1. Hallö von der gleichen Seite des Atlantiks, aber von der anderen Seite des Äquators.
    Schön, dass Du auch gut rübergemacht hast. Wir bewundern Deine Abenteuerlust, sind aber selbst natürlich wieder in der komfortablen Variante unterwegs, mit Mietwagen und Hotels unter deutschsprachiger Leitung, und das in Costa Rica, der Schweiz Mittelamerikas. Gleichwohl hatten auch wir die ersten kleinen Abenteuer zu bestehen, eine Canopytour und das Überwinden von Kratern, womit nicht der von uns besichtigte Vulkan Poas gemeint ist;-)
    Herzliche Grüße von den Klonkissen

    • Hey, ihr Klonkisse in der spanischsprachigen Nachbarschaft! Jede Tour zählt – auch die komfortable Variante mit Mietwagen und Hotel. Außerdem kann je nach Hotelleitung auch der Urlaub in der mittelamerikanischen Schweiz zur echten Herausforderung werden. Ich freu mich auf jeden Fall schon mal auf den Austausch von Geschichten im Dezember.

      Un abrazo y hasta luego,

      der Anden-Klonkis

  2. Schöne grüße aus Ungarn ins Unbekannte! Das schöne an kleinen kindern ist ja, dass die früh genug wach werden, um trotz Zeitverschiebung, Deinen wie immer vorzüglichen Text als einer der ersten zu lesen 🙂

  3. Hola Sven,
    was sehen meine umbau- und umzugsmüden Augen gerade, als ich, aufgetaucht aus dem Baustellenchaos, gerade mal wieder meine Mails gecheckt habe?! Du bist wieder auf der Reise – Wahnsinn! Ich freue mich schon sehr darauf, wieder deine Reiseberichte zu lesen, während mich meine private Reise dieses Jahr über einen neuen Job, Umzug in ein eigenes und vorher weitgehend selbst renoviertes Haus, Hochzeit im September hin zum Familienleben mit Nachwuchs im November führt.
    Ich wünsch eurer offensichtlich bestens ausgerüsteten Reisegruppe viel, viel Spaß und viele tolle Erlebnisse!
    Liebste Grüße aus Bottrop
    Christina

  4. Hallo Sven Du alter Weltenbummler,
    beim nächsten Mal musst Du mich unbedingt übernehmen….ich stehe gerne als Übersetzerin für die portugiesischen Gebiete zur Verfügung 🙂
    Sonnige Grüße (auch von der Naddy!)
    abracos e até a proxima.

    • Neela, welche Freude! Auf die Sache mit der Übersetzerin komme ich gerne zurück. Schließlich muss ich bisher den nicht unerheblichen Teil Brasilien aussparen, weil ich mich noch zu sehr mit dem Spanischen rumschlage. Das muss sich in Zukunft noch dringend ändern 🙂 Un abrazo del desierto!

      • Na siehste, für den Part wäre ich dann genau die richtige Erweiterung Deiner bisher schon sehr genialen Reisegruppe, wie es mir scheint 🙂
        Bis dahin wünsche ich Dir im spanischen Teil eine Menge unersätzlicher Eindrücke und wertvoller Erfahrungen…
        Um abraco da Alemanha 🙂

  5. hmmm…da sollte ich mich besser in Acht nehmen, Dir nicht zuviel beizubringen….sonst brauchst Du am Ende gar keine Übersetzerin mehr 😉

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