Tage in der Cordillera

Ein neuer Tag mit neuen Aufgaben: Die erste Nacht gestaltet sich recht kurz, da der innere europäische Wecker zuverlässig um halb sechs Ortszeit klingelt. Aber was solls: So hab ich an diesem noch ekelhaft jungen Tag wenigstens Zeit im Überfluss zur Verfügung. Irgendwie scheinen Tintenfische ein geringeres Schlafbedürfnis als Menschen zu haben. Oleg und Trudi können es kaum erwarten, das Hostal zu verlassen und die Gegend zu erkunden. Kein Wunder: Wenn ich mich richtig erinnere, haben die beiden einen Großteil der Busfahrt verschlummert. Manchmal hat es für den Schlafkomfort halt Vorteile, neun Zentimeter groß und aus Plüsch zu sein. Eigentlich benimmt sich die Physis an diesem Morgen jedoch ganz manierlich und in Ruhe möchte man gar nicht meinen, dass wir gestern frisch in 3050 Meter Höhe angekommen sind. Ein erster vorsichtiger Ausflug in die nahegelegene Ortsmitte holt mich jedoch schnell auf den Boden der Tatsachen zurück: Die zehn Minuten Fußmarsch lassen meine Lungen pfeifen, als sei ich Kettenraucher, Wellensittichzüchter und habe die letzten 30 Jahre unter Tage gearbeitet.

Es wird heute also ein obligat entspannter Tag mit etwas Laufen, regelmäßigem Sitzen und viel, viel Atmen. Trotzdem reichen meine überschaubaren Reserven, um erste Eindrücke der kleinen Stadt in der Cordillera Blanca zu sammeln. Im klassischen Sinne schön ist Huaraz eigentlich nicht. 1970 hat ein vernichtendes Erdbeben 90% der alten Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Alles, was danach wieder aufgebaut wurde, ist ein graues Einerlei aus schnödem Beton. Dafür wird man allerdings durch die majestätische Bergkulisse der Cordillera Blanca im Hintergrund mehr als entschädigt. Über den Dächern der Häuser bilden beeindruckende schneebedeckte Gipfel die eisige Grenze zwischen Himmel und Erde. Ansonsten handelt es sich bei meinem ersten Reiseort um ein wirklich sympathisches Stück Peru: Pünktlich zu meiner Ankunft gibt es eine Polizeiparade mit blinkenden Uniformen und viel Tamtam. Außerdem birgt dieser Morgen eine weitere wichtige Erkenntnis: Huaraz hat die coolsten Ampelmännchen der Welt! Mit vielen LEDs zum Leben erweckt, machen sich die Kerlchen bei Grün sportlich-enthusiastisch auf den Weg und animieren die Fußgänger so zum Überqueren der Straße. Gegen Ende der Grünphase nehmen sie dann richtig Fahrt auf und fangen an zu rennen, als ob ein Vierzigtonner hinter ihnen her wäre. Herrlich!

Die folgenden Tage bestehen vorerst nur aus dem Versuch, den müden Körper an ein wenig Aktivität zu gewöhnen. Der erste Ausflug zu den Ruinen des Chavin-Tempels entpuppt sich zwar als peruanische Butterfahrt über orthopädisch äußerst bedenkliche Buckelpisten, aber die Trümmer sind beeindruckend und das Bewegungslevel für Tag Nr. 2 genau richtig. Sonntag folgt die erste Herausforderung für Körper und Geist: Im Reiseführer wird eine „Akklimatisierungstour“ zu einem spektakulären See in den Bergen empfohlen. Klingt soweit gut – außerdem soll sich die Muskulatur gar nicht erst einbilden, wir würden hier in irgendeiner Form Urlaub machen. Letztendlich stellt sich die ganze Exkursion allerdings als 12 Kilometer Gewaltmarsch bis auf 4600 Meter Höhe heraus. Auf dem Hin- und Rückweg treffen wir dann auch reihenweise Menschen, die wegen höhenbedingtem Kreislaufkollaps am Wegesrand sitzen – also eher die Friss- oder Stirb-Variante der Höhenanpassung. Na ja, ich schlage mich an diesem Tag recht wacker und als Belohnung erwartet uns knapp unter dem Gipfel die Laguna 69 (was für ein beknackter Name) in dem allertiefsten Blau, das man sich vorstellen kann.

Den Versuch jeglicher Landschaftsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle. Der Nationalpark der Cordillera ist dermaßen (und im doppelten Wortsinn) atemberaubend, dass man es einfach gesehen haben muss, um es zu glauben. Vielleicht vermitteln die Fotos einen klitzekleinen Eindruck davon, wie unheimlich schön sich dieses Fleckchen Erde für seine Besucher zurechtgemacht hat. Eines sei jedoch noch erwähnt: Als zwischenmenschlicher Bonus dieses Ausflugs gehören zu unserer Gruppe Joss und Jenna, zwei wirklich ursympathische Amerikaner, mit denen man sich neben Kinofilmen, Südamerika und den Ku-Klux-Klan auch bestens über Politik und Religion unterhalten kann. Und so verbringt unser Dreiergrüppchen einen anstrengenden, aber äußerst lustigen Sonntag, japst, siegt und freut sich unten im Tal über all den Sauerstoff, den jeder einzelne Atemzug in unsere Lungen spült. Leider sind wir wegen der Brechpausen für die Höhenkranken erst spät zurück in Huaraz und die lang ersehnte kalorienreiche Mahlzeit an diesem Abend entfällt. Zurück im Hostal gewinnt jedoch die Müdigkeit in einem kurzen Handgemenge klar gegen den Hunger und so braucht es keine zehn Sekunden, bis ich im leise tuckernden Traumlandexpress sitze.

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9 Gedanken zu „Tage in der Cordillera

    • wir sind gerade mit dem Frühstück fertig und wollen dann zur Ordensburg. Wenn ich das jetzt lese, bin ich schon ein winziges Spürchen neidisch. Lektüre hat mir aber trotzdem gut gefallen, und Eifel ist auch schön. L.G. Klausi

      • Wunderschönen guten Morgen! Klingt sehr gut und letztendlich sind die Anden ja auch nur die Eifel Südamerikas (Wanderwege + Berge + Vulkane). Habt nen feinen Tag 🙂

        Lieben Gruß,

        Sven

  1. Hallö, wir haben gerade viel Zeit, Kaffee zu trinken und Deinen Bericht zu geniessen. Heute gibt die Regenzeit ein ausgiebiges Intermezzo. Aber morgen werden wir den bei den amerikanischen Touristen äußerst beliebten Nationalpark Manuel Antonio besuchen. Atención perezosos – vamos a venir.
    Hasta luego
    Los Klonkissee

    • Hey, ihr Klonkisse! Klingt gut – Nationalparks haben die (un)angenehme Eigenschaft, dass man von einem grandiosen Fotomotiv ins nächste stolpert. Und Danke für die neue Vokabel: „Perezoso“ kannte ich noch nicht. Wird sofort ins Vokabelprogramm eingepflegt 🙂

  2. Schau an was bietet dir die Weite, fern ab von allem Alltag. Die Gedanken haben freien Lauf, nehmen Formen an und werden abgelegt im Reich der Sinne. Weitergeben an die Daheimgebliebenen ist die Aufgabe und das gestaltet sich als erfolgreiche Tat die mit Spannung erwartet wird. Auch wenn der furchtlose Pilger sich mal alleine fühlt auf seinem Wege, schließt sich der Kreis der Verbundenheit beim Lesen seiner Abenteuer!!
    Sei dir sicher, wir sind da!!!
    LG Sr Lustig:)

    • Das ist außerordentlich fein 🙂 So macht das Ganze ja auch richtig Spaß: Reisen, schreiben und ein wenig mit der Heimat plaudern. Und das Echo ist wirklich mehr als liebreizend. Außerdem wäre ich sonst bestimmt viel zu träge, ein Tagebuch zu führen.

      Lieben Gruß aus den sonntäglichen Bergen,

      Sven

  3. Wirklich tolle Bilder und ein sehr schön verfasster Text. Da wird man wirklich neidisch!

    Viele Grüße aus dem Land der fliegenden Windeln. 😉

    • Ihr müsst nicht neidisch sein. Ich habs irgendwo vorher schon mal erwähnt: Ein Leben im Land der fliegenden Windeln ist mit Sicherheit das größere und länger andauerndere Abenteuer. Freu mich schon auf eure Erlebnisberichte im Dezember 🙂

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