Pisco, Sand und Pestilenz

Und auf einmal bricht das Gewitter los! Da sitzt man nichtsahnend beim Frühstück und plant die anstehende Trekkingtour, als der Himmel plötzlich eine mordorhafte Schwärze annimmt und ein recht beeindruckendes Unwetter über der Stadt herniedergeht. Der bange Blick auf die Wettervorhersage bestätigt meine trübe Vorahnung: In den nächsten Tagen ist in Huaraz eher mit meteorologischem Weltuntergang zu rechnen.

Da ich mich noch im Kindergarten-Stadium meines Abenteurerdaseins befinde und mir deshalb Schöneres vorstellen kann, als auf einem 4600 Meter hoch gelegenen Pass Blitze zu zählen, muss ich meine weiteren Pläne wohl kurzfristig ändern. Immerhin eine völlig neue Erfahrung für einen Menschen wie mich, der an einer milden Form von Organisationswahn leidet: Wenn man völlig frei in der Planung seiner Reiseroute ist, können einem auch Gewitter, Sturm und Meteoritenschauer nichts anhaben. Der daraufhin zu Rate gezogene Reiseführer berichtet schwärmerisch von einer kleinen Oase südlich von Lima, die inmitten einer malerischen Sandwüste liegt. Der Rest geht schnell: Ich kümmere mich um eine Buspassage Huaraz – Lima – Ica, bringe meinen Rucksack in einen reisefertigen Zustand und schnappe mir die beiden Tintenfische. Noch am selben Abend verlässt unser Bus die Stadt in Richtung Pazifikküste.

Zwölf Busstunden und eine unruhige Nacht auf der Panamericana später sind wir leicht zerzaust in der Wüstenstadt angelangt. Peru ist wirklich ein unterhaltsames Land: Da setzt man sich mal eben in den Nachtbus und wechselt innerhalb eines Tages die Landschaftszone von Berg zu Sand. Huacachina ist tatsächlich winzig: Mitten in der Wüste und in der Nähe der Landwirtschafts- und Weinstadt Ica gelegen, ducken sich ein paar einfache Häuser inmitten von Palmen rund um eine kleine Oase. Drumherum erheben sich 80 Meter hohe Dünen, die ziemlich genau dem inneren Idealbild entsprechen, das ein naiver Westeuropäer wie ich von einer Wüstenlandschaft hat. Leider hat der grelle Spaßtourismus auch vor Huacachina nicht haltgemacht: Nachmittags befördern dröhnende Strandbuggys kreischende Touristen durch die Dünen und auch das kulinarische Angebot bewegt sich irgendwo zwischen „big pizza“ und „very strong cocktails“. Okay, jeder soll seinen Urlaub so verbringen, wie es ihm gefällt, aber inmitten dieser einzigartigen Landschaft kommt mir das lärmende Freizeitangebot eher wie der Pesthauch der Zivilisation vor.

Auf jeden Fall entscheide ich mich gegen schrilles Kreischen im Buggy und unternehme stattdessen eine ausgedehnte Zwei-Stunden-Wanderung durch die Wüste. Eigentlich hatte ich mich dabei auf einen seelebaumelnden Spaziergang eingestellt. Sobald es jedoch dünenaufwärts geht, hat man in dem weichen Sand den Eindruck, mit jedem Schritt nach vorne zwei Schritte zurück zu machen. Eine Dünenbesteigung ist wirklich höllisch anstrengend und ich bewundere insgeheim all die abgestürzten Piloten aus den Hollywood-Filmen, die nach ihrem Crash einen mehrtägigen Marsch durch diese sandige Hölle absolvieren. Meine beiden Pulpos haben es da besser: Mit acht Armen und nur wenige Gramm schwer, tänzeln sie die Dünen hinauf, als sei die Wüste ihr natürlicher Lebensraum. Ich bin mir fast sicher, von oben leicht schadenfrohe Blicke zu ernten, als ich mich mit meinen überschaubaren zwei Beinen mühsam die Sandberge hinaufkämpfe. Damit die beiden nicht allzu übermütig werden,  erinnere ich sie im Gegenzug äußerst liebenswürdig daran, dass Münsterländer dafür auf diesem Planeten weder gegrillt noch frittiert werden. Hähä, mit dieser Reisegruppe wird es wirklich niemals langweilig! Letztendlich entschädigt aber das Gefühl, auf einer Dünenkrone zu sitzen und weit und breit das einzige menschliche Wesen zu sein, für jegliche Mühsal.  Als die Sonne schließlich hinter dem endlosen Panorama aus Sand und Schatten versinkt, ist es einer dieser unauslöschlichen Reisemomente und einfach nur… unbeschreiblich schön.

So verbringe ich also insgesamt 48 Stunden im sandigen Nirgendwo, lese reichlich, tigere durch die Dünen und unterhalte mich mit Pablo vom kleinen Cafe an der Oase über seine Familie und das Leben in Huacachina. Nachdem er weiß, dass ich meine Brötchen als Kinderarzt verdiene, erzählt er mir von seinem autistischen Sohn und hat auch gleich einen ganzen Strauß an medizinischen Fragen. Spätestens als mich seine Schwester Maria danach noch zum Morbus Hirschsprung ihres Zweijährigen interviewt, nehme ich mir insgeheim vor, meine Wortschatztruhe bei nächster Gelegenheit um ein wenig Fachvokabular zu erweitern. Für ein Gespräch über diverse Operationstechniken (sowieso nicht mein Spezialgebiet) reicht meine innere Vokabelliste einfach noch nicht aus. Trotzdem freue ich mich jedesmal wie ein Honigkuchenpferd, wenn ich die Gelegenheit bekomme, ein wenig mit einheimischen Peruanern zu plaudern.

Für den plötzlich vor der Tür stehenden Abreisetag haben wir als krönenden Abschluss unseres Wüstenbesuchs die kleine Touristentour gebucht: William, der Taxifahrer, der uns zur Oase kutschiert hat, hat mir vorgeschlagen, auf dem Weg zur Busstation einen kurzen Abstecher zu einer der örtlichen Pisco-Brennereien zu machen. Für eine Handvoll Soles bekommt unser Grüppchen aus drei Menschen und zwei Pulpos dort eine Führung sowie einen kleinen geschmacklichen Einblick in die Herstellung des berühmten peruanischen Traubenbrandes. Der wundervolle Nebeneffekt: Nach Verköstigung von vier unterschiedlichen Pisco-Sorten und diversen Likören muss ich mir um den Schlaf während der anstehenden achtzehnstündigen Nachtfahrt bestimmt keine Gedanken mehr machen. Und so lerne ich an diesem Nachmittag, wie man richtig Pisco trinkt, dass man daraus auch Marmelade zaubern kann und dass er ursprünglich keinesfalls aus Chile stammt. Welch lehrreicher und hochprozentiger Reisetag!

Damit sich die ganze Tour auch für unseren Fahrer rechnet, halten wir noch „por unos minutos“ an einer alten Bodega und probieren uns dort im Zeitraffer durch die örtlichen Weinerzeugnisse. Okay, das Ganze würde man bei uns wahrscheinlich am ehesten in Kombination mit Vanilleeis servieren, aber mit Schnaps, Wein und einer unterhaltsamen Kleingruppe verbringen wir einen rundheraus fröhlichen Nachmittag. Auf dem Weg zum Busbahnhof mache ich mir eigentlich nur noch um zwei Dinge Sorgen: Was hatte die ausgestopfte Robbe auf den Weinamphoren zu suchen und wird die winzig kleine Britin nach dieser Tour wohl noch zu ihrem Reisebus finden?
Während ich mir über diese und andere weltbewegende Dinge meine Gedanken mache, streut mir der Pisco-Sandmann langsam aber sicher eine Mischung aus Trauben, Schnaps und Wüstensand in die Augen. Unterdessen singen Oleg und Trudi irgendwas von einem gelben Unterseeboot, das in der Tintenfisch-Version allerdings bereits in der ersten Strophe absäuft und den Protagonisten dieses Klassikers fortan als Feriendomizil in den Tiefen des Südpazifiks dient. Und so kommt der Schlaf an diesem Abend rasch, während der Bus sich in Bewegung setzt und gemächlich in Richtung Cusco rumpelt.

„Near the reef where I was born

Lived a pulpo down at the sea

And he told us of his life

In a hit and sunken submarine…“

Sehr frei nach Paul McCartney und John Lennon

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7 Gedanken zu „Pisco, Sand und Pestilenz

  1. Liebe Pulpos!

    Die allerbesten Grüsse aus dem Norden. Die Schlechtwetterfront ist über Nacht auch zu uns durchgedrungen – die Welt ist klein :)- und die Mädels sind durchaus neidisch auf diesen unglaublich großen Sandkasten in dem ihr aktuell herumtollt

    Wir sind uns nicht so sicher wie wir Ihnen nach den Fotos das heimische Biotop schmackhaft machen können geben aber alles-auf in den Schlamm!

    Euch weiterhin viel Freude im Abenteuerland und passt auf den Sven auf!

  2. Mein Gott…..wie schön ist das denn……die Fotos……das ist wirklich eine Bereicherung wenn man so wie du einmal im Leben….du bekommst ja den Hals nicht voll und tust es zweimal:)…..so einen Trip macht!! Ich freu mich sehr auf alles was noch so kommt…..!!!! Weiter so
    GlG Sr müde:)

  3. Ich bewundere deinen Abenteurer-Mut!!! Wenn ich das so lese,fühle ich mich ein wenig als wäre man selbst dort. Viel Spaß noch und komm heile wieder 😉

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