Zuhause in der Fremde

In Cusco anzukommen, fühlt sich ein wenig an, wie nach Hause zurückzukehren. Okay, ihr habt ja recht: Dieser Satz klebt leicht vor dezentem Pathos. Wenn ich für zweieinhalb Wochen einen Intensiv-Töpferkurs in Wanne-Eickel besucht habe, entwickle ich bei der Rückkehr dorthin auch keine heimatlichen Gefühle.

Aber dennoch: Cusco ist für mich nun mal eine ganz besondere Stadt. Es ist die Stadt, in der ich das erste Mal vorsichtigen Kontakt mit dem großen Abenteuer Südamerika geknüpft habe. Es ist die Stadt, in der mich meine peruanische Gastfamilie letztes Jahr mehr als herzlich aufgenommen und mir dadurch die ersten Schritte auf diesem Kontinent sehr, sehr leicht gemacht hat. Cusco ist die Stadt, in der ich tatsächlich noch einmal zur Schule gegangen bin und zwei wundervolle Wochen mit Mitschülern und profesoras verbracht habe. Was die spanische Sprache betrifft, so bin ich hier vom lingualen Halter einer Bobby-Cars zum hoffnungsvollen Fahrradfahrer geworden (der hoffentlich irgendwann einmal ohne Stützräder zurechtkommt). Und dann ist Cusco natürlich auch noch die Stadt, in der ich allmählich gelernt habe, wie der südamerikanische Alltag in vielen Belangen funktioniert.

Wahrscheinlich fühlt es sich deswegen so vertraut an, direkt nach Ankunft durch die Straßen der ehemaligen Inka-Hauptstadt zu wandern. Ich finde mich in den Gassen auch ohne den sonst allgegenwärtigen Stadtplan zurecht und weiß auf Anhieb, dass man in Jack’s Cafe ab sieben Uhr ein vorzügliches Frühstück bekommt.

Bei meinem ersten Besuch war ich noch völlig überwältigt von dem bunten Gewusel auf der Plaza de Armas und dem bloßen Gedanken, tatsächlich und wahrhaftig in Peru angekommen zu sein. Bei diesem zweiten Aufenthalt in Cusco treten andere Empfindungen in den Vordergrund: In diesen Tagen macht es einfach nur unheimlich Spaß, am Brunnen in der Mitte des Platzes zu sitzen und das geschäftige Treiben ringsumher zu beobachten. Den Kauf von Wollmützen und zeitgenössischen Kunstwerken lehne ich heute irgendwie entspannter ab. Nachdem ich als potentieller Kunde ausgeschieden bin, kann ich mich mit der Verkäuferin sogar noch fünf Minuten über die Heimtücke des Deutschen als Fremdsprache unterhalten. Am Ende verabschiedet sie sich mit einem Augenzwinkern und dem Ausspruch „Tal vez mañana!“ (vielleicht morgen).

Aber um euch zu beruhigen: Ich hatte ganz bestimmt nicht vor, vier Tage lang verträumt an der Plaza zu sitzen und gelegentlich die örtlichen Laternen zu umarmen. Zwei Dinge stehen für diesen Cusco-Besuch auf der Agenda. Zum einen besuche ich natürlich meine Sprachschule, um die Menschen dort noch einmal zu sehen und mit ihnen ein wenig über die letzten Monate diesseits und jenseits des Atlantiks zu plaudern. Zum anderen existieren in der Gegend rund um Cusco noch einige Inka-Ruinen, die beim letzten Aufenthalt nicht mehr in mein Ausflugsprogramm gepasst haben. Ein unhaltbarer Zustand!

Vorzugsweise handelt es sich dabei um jene Trümmer, bei denen sich der Anfahrtsweg ein wenig kniffelig gestaltet. Klar, man kann sich in die Hände einer der örtlichen Reiseagenturen begeben und jede nur denkbare Tour mit einem Bus voller Touristen unternehmen. Aber irgendwie steckt ein anderer Gedanke hinter dieser Südamerika-Reise: Ich bin bestimmt nicht der peitschenschwingende Lederhutträger, der sich nur wohlfühlt, wenn er als allererster Europäer auf dem Rücken eines gescheckten Alpacas über längst vergessene Inkapfade reisen kann – ein echtes Bett und funktionierende Waschgelegenheiten weiß ich wirklich zu würdigen. Trotzdem habe ich mir vorgenommen, ab und zu einen kleinen Schritt beiseite zu treten und mich zumindest für den Moment ein wenig abseits der Massen zu bewegen. Daher sind dieses Mal auch die klapprigen Busse und Colectivos der Stadt mein bevorzugtes Transportmittel für Tagesausflüge.

Der Ablauf gestaltet sich dabei folgendermaßen: Für jedes Reiseziel in der Umgebung gibt es in Cusco irgendwo einen staubigen Hinterhof, der als Abfahrtspunkt für besagte Vehikel dient. Hat man diesen auf der Karte oder durch freundliche Nachfrage identifiziert, muss man nur noch das richtige Gefährt ausfindig machen und schon geht es für ein paar Soles zur Stadt hinaus. Ihr würdet nicht glauben, wie viele Personen bei geduldigem Menschen-Tetris in solch einen Minibus passen! Und auch, wenn man diese Ausflüge bei meiner Größe meist in zusammengeklapptem Zustand verbringt, so ist es doch eine durchaus vergnügliche Art, das heilige Tal rund um Cusco zu erkunden.

Da passiert es durchaus einmal, dass einer der größeren Busse plötzlich die Bremsen betätigt und ein strahlend lächelnder Mensch mit Vertreterkoffer und transportablem Lautsprecher in den Bus springt. Der erzählt dann den Fahrgästen in den schillerndsten Farben von der Heilkraft der Pflanzen, der Überlebensnotwendigkeit regelmäßigen Stuhlgangs und der Darmlänge eines peruanischen Meerschweinchens (ca. drei Meter). Einige Dinge hier erinnern mich wirklich sehr stark an zuhause. Im Übrigen ist Venezuelas Präsident Hugo Chávez trotz seines Reichtums und erstklassiger Medizin nur gestorben, weil er nicht regelmäßig… na, ihr wisst schon!

Und so sind es hier in Cusco äußerst unterhaltsame Tage mit viel dunklem Kaffee, ein paar hellen Gedanken und der Besichtigung der beiden Inka-Festungen Písac und Ollantaytambo. Ich gebe es ja zu: Die Tage in dieser Stadt muten nach den bisherigen Reiseerlebnissen eher beschaulich an und ich stelle gerade fest, dass ich diesen Text eigentlich nur mit ein paar beschwingt-nichtigen Überlegungen gefüllt habe. Daher endet dieser Bericht zur Abwechslung auch mit einer kleinen Anekdote abseits der Reiseroute. Irgendwie bildet sie zu den gedankenvollen Tagen von Cusco den passenden Epilog:

Da ich wild entschlossen bin, in diesen drei Monaten nicht nur meinen Reise- sondern auch meinen spanischen Sprachhorizont zu erweitern, habe ich eine entsprechende Verbtabelle im Gepäck. Zur Erklärung: Dabei handelt es sich um eine aufklappbare DIN A4 große Karte, auf der Verben der unterschiedlichen Konjugationen durch alle nur denkbaren Zeiten gejagt werden – so weit, so langweilig.

Allerdings scheinen im herausgebenden PONS Verlag wirklich philosophisch denkende Menschen zu arbeiten, denn in besagter Tabelle wird dem wissbegierigen Spanischschüler die Welt der Tätigkeiten und grammatikalischen Zeiten mit folgenden drei Verben nahegebracht: Amar (lieben), beber (trinken) und vivir (leben). Kann man das Leben schöner zusammenfassen? Und so bekommt selbst die ewige Schlacht mit dem Pretérito Indefinido eine verklärt-lebenskluge Note…

Diese Diashow benötigt JavaScript.

13 Gedanken zu „Zuhause in der Fremde

  1. Morgen alten Globetrotter!

    Also erstmal bin ich beeindruckt ob Deiner Sprachkenntnisse.

    Wenn Du der sicher dynamisch vorgetragenen Präsentation über die Darmgewohnheiten von Tierchen und Präsidenten folgen konntest, bist du ein Stützrad sicher schon los!

    Hast du deine alte Gastfamilie denn schon besucht?

    Grüsse!
    Heiko

    • Guten Morgen, Häuslebauer!
      Ging leider nicht: Teile sind wohl nicht zuhause und die Mädels arbeiten in irgendwelchen Dörfern fernab der Zivilisation. Muss ich wohl nochmal herkommen 🙂 Que mala suerte! So, ich geh mal Frühstück jagen.

      Lieben Gruß an deine Mädels,

      Sven

  2. Okey das ist ein Grund für die neue Reise :).
    Häuslebau hat immer noch nicht gestartet. Wirst ums grillen in Ratingen nicht drum herum kommen. Was Frühstückt der Südamerikaner denn so?

    • Wenn du dich ans Frühstück im Hostal hältst, gibts Fladenbrot und Marmelade. Aber sobald man ins Zentrum tigert, hast du die freie Auswahl zwischen Eiern, Pancakes oder gebratenem Rind 🙂 Aber das Wichtigste und Beste vor Ort: Jugo mixto (gemischter Saft). Meist ein riesen Glas und frisch zubereitet. Allein dafür lohnt sich die Reise hierher. Von den anderen Köstlichkeiten erzähl ich dir beim Ratinger Eisgrillen im Dezember 😉

      Lieben Gruß an alle,

      Sven

  3. Hallö, wir sind wieder Zuhause im Zuhause. Kleiner Nachtrag zu Deinem ersten Bericht: Noch einige Themen, mit denen man auch prima Taxifahrten bestreiten kann: Deutsches und holländisches Bier, Straßenverhältnisse in Mittel- und Südamerika und die Schlaglöcher in Deutschland nach dem Winter sowie das Knallerthema Heidi, su abuelo y Pedro en los Alpes. Muchos saludos a Cusco. Die Klonkisse.

    • Super, das merk ich mir für die nächsten Busfahrten 🙂 Allerdings wird in Richtung Süden der Akzent zunehmend heftiger. Aber Jefferson Farfan kennen hier trotzdem noch alle. Muchos saludos a Cappenberg.

      Der Südamerika-Klonkis

  4. Hallo der Herr, back from Türmt und Iran, erster Geburtstag erfolgreich überstanden und nun, nach einem Frühstück in den noch ungewohnten eigenen vier Wänden, Reiseberichte lesen. Sehr schön, obgleich die Sonne gerade ein dunkles Gewand übergestreift hat und der Herbst eingezogen ist. Lg von den beiden Damen und mir

    • Hey, Willkommen zuhause! Freut euch ein wenig über den Herbst. Hier gibts nur heiße Tage, eiskalte Nächte und Trockenheit. Ich lern langsam die europäischen Jahreszeiten wirklich zu schätzen 🙂

      Lieben Gruß an alle aus Puno,

      Sven

  5. Wunderschön geschrieben! Das Wort, welches mir die ganze Zeit beim Lesen durch den Kopf schwirrt: „Saudade“.
    Übersetzen kann man das wohl am besten mit den Worten „Sehnsucht“, „Heimweh“ und „Fernweh“….eine ganz besondere Mischung in der Gefühlswelt…..
    sonnige grüße aus dem herbstlichen deutschland 🙂

    • Hey, das ist wohl das Wort, das mir die letztem Wochen hier wirklich gefehlt hat. Mal sehen, ob es was Vergleichbares im Spanischen gibt. Und die Robbe muss dir keine Sorgen bereiten: Die ist nicht nur blind, sondern auch tot 😉

      • blind und tot…das wird mich nachher in meinen alpträumen verfolgen…ich seh das schon.
        „Saudade“ ist wirklich eines der beliebtesten Wörter in Brasilien!
        Wir müssen unbedingt mal einen Cocktail trinken gehen, wenn Du zurück bist…Du hast bestimmt soviel zu berichten 😉

      • Ha, es heißt im Spanischen tatsächlich auch saudade. Manche Wörter scheinen in jeder Sprache zu funktionieren. Und wenn ich mir überlege, was ich in vier Wochen alles schon erlebt habt, gibt es wahrscheinlich wirklich viel zu erzählen 🙂

  6. kannste mal sehen….ich predige doch immer schon, wie ähnlich sich gerade Portugiesisch und Spanisch sind!
    Viel Spass noch bei Deinen Abenteuern….und nicht zu viel gruseliges schreiben, sonst bekomm ich Angst….und kann nciht schlafen…und die Robbe verfolgt mich in meinen unruhigen Traumphasen 😀

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s