Die Stadt in Weiß

Cuidate! – Pass auf dich auf! Ich habe noch die Abschiedsworte meiner profesoras im Ohr, als das Taxi bei Einbruch der Dunkelheit zur örtlichen Busstation aufbricht. Die lauschigen Tage in Cusco sind viel zu schnell an mir vorbeigezogen und ganz bestimmt gäbe es hier noch reichlich zu entdecken. Aber es hilft nichts: Die Liste der unbekannten Orte, deren Name verheißungsvoll in  den Ohren klingt, ist noch unendlich lang. Daher wird es Zeit, den Rucksack zu schultern und sich auf den Weg nach Arequipa zu machen. Die quirlige Stadt im Süden Perus ist das nächste Etappenziel auf meiner langen Reise nach Feuerland.

Die kolonialen Gebäude im Zentrum wurden damals aus hellem Vulkangestein erbaut, so dass Arequipa auch den Beinamen „die weiße Stadt“ trägt. Laut Reiseführer gleicht das Temperament ihrer Einwohner der Gegend, in der sie leben: Arequipa liegt am Fuße gleich mehrerer Vulkane und auch der Untergrund der Stadt in Weiß will einfach keine Ruhe geben. Bereits siebenmal wurden ein Großteil der Bebauung durch schwere Erdbeben zerstört und auch wenn es unter den Füßen gerade mal nicht merklich wackelt, bringt es Arequipa doch auf durchschnittlich zwölf Erdstöße pro Tag.

Aber trotz dieses unruhigen Bodens, auf dem sie leben, sind die Arequipeños äußerst herzlich. Niemand versucht mich nach meiner Ankunft durchzuschütteln oder spuckt vor Wut kleine Lavabröckchen, wenn er im Stau steht (was hier eigentlich täglich passiert). Ich muss gestehen, mich würde es ein wenig nervös machen, in einer Stadt zu leben, in der es nur eine Frage der Zeit ist, bis der Boden unter einem wieder alles ins Wanken bringt. Aber die Einwohner, die ich während meines Aufenthaltes treffe, wirken recht entspannt und erzählen mir, dass ein richtiges Erdbeben sowieso erst irgendwo ab sieben auf der Richterskala beginnt. Der Mensch ist wohl ein Gewohnheitstier…

Trotz all der Verwüstungen, die die Stadt im Laufe der letzten Jahrhunderte erleiden musste, behält der Reiseführer in einem Punkt recht: Arequipa ist wirklich eine der schönsten Städte in ganz Peru. Die weißen Gebäude der Innenstadt sorgen für ein mediterranes Flair und durch die Palmen und den sommerlich warmen Wind auf der Plaza de Armas wähnt man sich tatsächlich irgendwo am Mittelmeer. Hinter dieser malerischen Urlaubs-Silhouette erheben sich allerdings ein wenig bedrohlich die beiden nahegelegenen Vulkane Misti und Chachani – ein stilles Mahnmal für die exponierten Lage Arequipas.

Egal, ich versuche, mich innerlich an den Mittelmeer-Gedanken zu klammern und erkunde in den nächsten Tagen die Stadt in Weiß. Irgendwie scheint sich die Metropole im Süden geschichtlich auf Klöster spezialisiert zu haben, denn zu den touristischen Höhepunkten in Arequipa gehören gleich zwei Konvente. Das Kloster Santa Catalina stammt noch aus der Kolonialzeit, hat die Größe einer kleinen Stadt und scheint im Laufe der Zeit tumorös in das umliegende Viertel hineingewachsen zu sein. Welch großartige Erfindung der katholischen Kirche: Damals konnten sich Töchter aus gutem Hause mit bestem Leumund und reichlich Dineros dort um einen Platz als Nonne bewerben. Der Andrang muss wohl riesig gewesen sein und während man so durch die Zellen und Gebäude schleicht, fühlt man sich durch Möbel und Gebrauchsgegenstände tatsächlich ein wenig in jene Vergangenheit zurückversetzt.

Das zweite Kloster liegt eher versteckt und fungiert heute als Museum für eine äußerst bunte Mischung an Exponaten. Keramik, ausgestopfte Tiere, Waffen, Mumien, Bilder – man glaubt gar nicht, was die Mönche im Laufe der Zeit dort alles zusammengetragen haben. Und weil der Besuch dieses staubigen Stücks Geschichte einen zwanzigminütigen Fußmarsch erfordert, bin ich an diesem Nachmittag auch der einzige Besucher im verträumt Monasterio La Recoleta. Beim Lösen des Tickets wird mir noch erklärt, wie man in den einzelnen Sälen das Licht ein- und ausschaltet, bevor ich in der weitläufigen Anlage einfach freigelassen werde. Alleine in einem alten Kloster rumzugeistern, in dem die abenteuerlichsten Dinge ausgestellt sind, kommt meiner Idealvorstellung einer touristischen Besichtigung schon sehr nahe. Meine beiden Pulpos sind heute nicht wirklich für verwunschene Klöster zu begeistern und verbringen den Tag lieber mit allen sechzehn Tentakeln im Brunnen der Plaza de Armas – wahrscheinlich auch für die hiesige Bevölkerung ein eher seltenes Bild.

Wenn man in Arequipa gastiert, bietet es sich an, den gerade mal 100 Kilometer entfernten Colca-Canyon zu besuchen. Dieser recht prominente Riss in der Landschaft bringt es vom höchsten Gipfel bis zur tiefsten Stelle auf einen gähnenden Schlund von 2000 Metern und steckt damit sogar den berühmten Grand Canyon in die Tasche. Diese Zahlen klingen nach wundervollen Fotos für die optische Schatztruhe, also machen wir uns nach zwei Tagen in Arequipa auf den Weg zum unendlichen Abgrund. Das Glück scheint auf dieser Exkursion mal wieder seine schützende Hand über die Reisegruppe zu halten: Fahrer und Guide sind einfach reizend und tun wirklich alles, um uns einen spannenden Ausflug zu bescheren. Und auch meine beiden kanadischen Mitreisenden aus Montréal entpuppen sich als echter Hauptgewinn, so dass die sechsstündige Autofahrt wie im Flug vergeht.

Auch auf die Gefahr hin, dieses Attribut inflationär zu gebrauchen: Die Landschaft ist auch auf dieser Exkursion einfach atemberaubend schön und wieder mal komme ich mir inmitten von rauchenden (!) Vulkanen, endlosen Hochebenen und grundlosen Schluchten ziemlich klein und unbedeutend vor. Aber vielleicht schaut einem das Universum ja deswegen nicht so genau auf die Finger, wenn man doch mal Mist gebaut hat. Fehlende Systemrelevanz kann halt auch ein Segen sein…

Mit all den seltsamen Tieren, die uns in den folgenden zwei Tagen begegnen, will ich euch an dieser Stelle nicht langweilen. Allerdings habe ich bezüglich der peruanischen Fauna in den letzten 48 Stunden zwei unglaublich wichtige Dinge gelernt: Wenn ein Condor mit 2,50 Meter Flügelspannweite über einem kreist, ist man überaus glücklich, kein kleines, niedliches Kaninchen zu sein. Es hat danach einige Zeit gedauert, Oleg und Trudi zu versichern, dass Tintenfische nicht auf der Speisekarte der riesigen Andenvögel stehen. Zweitens: Im globalen Vergleich der Ästhetik kauender Säugetiere belegt das Lama mit seinem klug-entspannten Gesichtsausdruck während der Nahrungsaufnahme unangefochten den goldenen 1. Platz.

Und mit dieser Erweiterung meiner biologischen Kenntnisse gehen auch die Tage in Arequipa zu Ende. Morgen früh fährt der Bus nach Puno und damit ganz langsam in Richtung bolivianische Grenze. Nach allem, was ich gelesen habe, beginnt damit der wilde Teil meiner Reise. Cuidate!

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7 Gedanken zu „Die Stadt in Weiß

  1. Sven, ich kann nur sagen: DANKE…..für die wunderschönen Fotos, die einladenden Erzählungen und das du mir an diesem verregneten, kalten Morgen ein warmes „Ich bin im Urlaub“ Gefühl erweist. Da kann der Tag nur gut werden!!
    Bis dahin und komm bloß nicht auf die Idee damit aufzuhören!! 🙂
    GlG müde Sr

  2. Großartig…… ein kleiner Lichtblick zwischen Dauerregen und Wasserrohrbruch…….
    Aber der komische Typ mit den Stelzen hätte mir wohl etwas Angst gemacht 😉

    • Ach, weißt du, der Typ mit den Stelzen ist total harmlos. Macht Fotos, freut sich über jeden neuen Eindruck und gondelt durch Südamerika. Bei Wasserrohrbruch wären Stelzen übrigens gar keine schlechte Idee. Hoffentlich hat sich das Chaos inzwischen wieder gelichtet…

      • Ok, wenn er Fotos macht, dann soll er uns weiter brav damit erfreuen 😉
        Der Keller ist wieder trocken und ausgemistet……. aber irgendwie war das nicht so der Traumzeitvertreib für den letzten Urlaubstag…..
        Außerhalb des Hauses könnte man die Stelzen allerdings noch gut gebrauchen…… Sauerland halt……

  3. Lebste noch einsamer Streiter….falsch, mit zwei flauschigen Begleitern bedeutet jedes Lagerfeuer ein Spiel das sich nennt : Stille Post. Jeder hat was erlebt und bringt es zu Tage.
    Toi, toi, toi weiter hin!!!!
    GlG

    • Yo, alles in bester Ordnung. Nur das Internet in Bolivien ist ein wahrer Graus. Bin mal gespannt, wie ich hier die Fotos ins Netz geschubst bekomme. Aber ansonsten verträgt sich die Reisegruppe ausgezeichnet 🙂

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