Im Grenzgebiet

Nur lächerliche 350 Kilometer Busfahrt – bei den vorherrschenden Distanzen in Peru mutet die Reise nach Puno wie ein erfrischender Morgenspaziergang an. Die Stadt kurz vor Bolivien ist die letzte Station vor unserem ersten Sprung über eine südamerikanische Grenze. Nach dem mondänen Arequipa präsentiert sich die kleine Provinzhauptstadt eher dornröschenhaft: Innerhalb der Stadt schlummern keine nennenswerten Sehenswürdigkeiten und auch von der Bausubstanz her dominieren im Zentrum eher schnöde Tonziegel und eisgrauer Beton.

Aber trotz allem konnten wir nicht anders, als zumindest kurz in Puno Station zu machen. Unweit der Stadt hat eine der alten andinen Kulturen eine der beeindruckendsten Grabstätten in ganz Südamerika errichtet: Die Grabtürme von Sillustani. Zu Zeiten der Colla-Kultur wurden dort Herrscher und wichtige Persönlichkeiten in bis zu dreizehn Meter hohen Steinmonumenten mit allem bestattet, was die Existenz im Jenseits für jene hohen Herren angenehm gestaltete. Dummerweise ging diese transzendente Altersvorsorge ein wenig zu Lasten der damaligen Arbeitnehmer: Das gesamte Personal des Herrscher-Haushaltes wurde kurzerhand miteingemauert. Die Gewerkschaftsarbeit im 13. Jahrhundert steckte wirklich noch in den Kinderschuhen. Aber trotz aller ignorierten Arbeitnehmer-Rechte wirken die riesigen Grabtürme auch heutzutage noch überaus majestätisch, während die tiefstehende Sonne im Altiplano für eine kitschig-goldene Färbung der gesamten Ruinenstätte sorgt. Welch famoser Nachmittag für den kleinen Fotografen und Trümmer-Touristen in mir!

Nach unserem zweitägigen Zwischenstopp in Puno rollt der Bus unausweichlich in Richtung bolivianische Grenze. Anscheinend war es eine ganz gute Idee, die luxuriöse Transportvariante für den Grenzübertritt zu buchen. Ein netter Peruaner im strahlend weißen Hemd schubst die Fahrgäste nach dem Aussteigen in die richtige Richtung und sorgt dafür, dass kein Tier der Herde zwischen den insgesamt drei Büros für Emigration und Immigration verloren geht. Plüschige Tintenfische brauchen erfreulicherweise kein Touristenvisum und so heißt es nach einer guten halben Stunde an diversen Zollschaltern für die gesamte Reisegruppe: Bienvenido en Bolivia!

Die erste Station, der der Bus nach Grenzübertritt entgegenrumpelt, ist gleichzeitig auch das Ziel unserer heutigen Etappe: Das Städtchen Copacabana am Ufer des Titicacasees. Ehrlich gesagt bin ich ein wenig enttäuscht von dem kleinen Ort, der sich an die Hänge der umliegenden Berge schmiegt. Im Reiseführer wurde Copacabana als entschleunigter, netter Winkel inmitten der Anden angepriesen. Nach Ankunft muss ich allerdings feststellen, dass es sich bei Copacabana um eine dieser typischen Wildwest-Städte für Touristen handelt, die man irgendwie überall auf diesem Planeten findet. In der Fußgängerzone reihen sich dicht an dicht Ausflugsagenturen, Herbergen und diverse Kaschemmen, vor denen braungebrannte Traveller sitzen und sich gegenseitig lautstark versichern, was für irre coole Menschen sie doch sind („Ey, you’re sooo crazy, man!!!“). Aber da Toleranz auf einer Südamerika-Reise nun mal das wichtigste Gepäckstück darstellt, freue ich mich einfach über den Gedanken, dass es doch wunderbarerweise Orte wie diesen gibt, an denen sich Individuen mit den gleichen An- und Absichten zusammenfinden.

Ach ja, fast wäre es zwischen all den zwiespältigen Eindrücken untergegangen: Neben Party und Rum steht Copacabana durchaus auch für ein paar äußerst sympathische Urlaubserlebnisse. Zum einen liegt es natürlich am höchstgelegenen Binnensee der Welt – dem Lago Titicaca. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man den tiefblauen Wasserkörper in den Anden tatsächlich für einen waschechten Ozean halten. Und obwohl Bolivien im damaligen Salpeterkrieg seinen Zugang zum Pazifik verloren hat, leistet es sich hier oben doch tatsächlich eine 1800 Mann starke Binnenmarine. Ein dreifaches Hoch auf das unnütze Faktenwissen!

Desweiteren beherbergt die örtliche Basilika eine heiliggesprochene Marienfigur, die (von der katholischen Kirche offiziell bestätigte) Wunder bewirkt und dementsprechend viele Pilger in die kleine Stadt lockt. An Wochenenden werden in Copacabana bei reichlich Bier und Schnaps daher selbst Kraftfahrzeuge aus ganz Südamerika gesegnet. Ein irres Land!

Die nächste überraschende Erfahrung mache ich während meiner ersten Nacht in Copacabana: Es ist hier oben saukalt! Die strahlende Sonne über dem blauen Titicacasee täuscht den gutgläubigen Europäer sehr galant darüber hinweg, dass wir uns auf 3800 Meter Höhe befinden und die nächtlichen Temperaturen gerne mal unter den Gefrier- und Wohlfühlpunkt rutschen. Aber mit einer wärmekonservierenden Konstruktion aus drei dicken Decken verbringe ich im niedlichen Hostal am Berghang schließlich eine überaus erholsame erste Nacht im Andenstaat Bolivien.

Doch neben Mittelmeerflair, Marienwundern und meiner Neugier gibt es noch einen imperativen Grund, auf dem Weg nach La Paz in Copacabana innezuhalten: In Sichtweite der Stadt liegt die Isla del Sol, jene sagenumwobene Insel, auf der angeblich die Gründer des mächtigen Inkareiches erschaffen wurden. Ein absolutes Ding der Unmöglichkeit, dieses mystische Eiland auf unserer Reise auszulassen!

Und so stehen wir am Donnerstagmorgen ekelhaft früh mit Kamera und leichtem Übernachtungsgepäck am windschiefen Bootsanleger von Copacabana, um zur Sonneninsel überzusetzen. Irgendwie habe ich einen schlechten Tag für unsere Exkursion gewählt: Normalerweise zeichnet sich die Isla del Sol von Copacabana aus deutlich vor dem dunklen Blau des Titicacasees ab. An diesem Morgen jedoch verbirgt sich der komplette Landstreifen in einer gefährlich grauen Regenfront, die rasch vom See her aufzieht. Egal, diese Reise ist nun mal kein Babylama-Geburtstag und ich will zumindest einmal meinen Fuß auf die viel besungene Sonneninsel gesetzt haben. Also besteigt die Reisegruppe mit einigen anderen Verwegenen das mittelgroße Holzboot, welches schon kurz darauf ablegt und geradewegs auf die Unwetterfront zuhält. Die macht ihrem Namen dann auch sehr bald alle Ehre: Nach ein paar ersten verspielten Regentropfen als Dekoration an den Bordfenstern befinden wir uns kurz darauf inmitten eines biblisch anmutenden Unwetters.  Zeitgleich stimmen bei uns an Bord drei zauselige Hippies in Stoffhosen und Lamapullis irgendeinen Singsang auf ihren Saiteninstrumenten an, während draußen grelle Blitze über den See zucken und zunehmend größere Wellen an die hölzerne Bordwand schlagen. Die komplette Szenerie erinnert mich irgendwie an eine drogendurchsetzte John-Lennon-Version des Jüngsten Gerichts, bei der Yoko Ono ein Wörtchen mitzureden hatte.

Irgendwann dringt das erste Wasser in die Kabine ein und ich bin heilfroh, dass es in diesem Fall nur das undichte Dach unseres kleinen Kahns ist, das die Fahrgäste mit in wenig Regen beglückt. In diesem Fall kommt wirklich alles Gute von oben (und alles Schlechte von unten). Oleg und Trudi haben einen Heidenspaß an der höllischen Kreuzfahrt und fühlen sich zunehmend in ihrem Element. Oh, glückliches Meeresgetier! Irgendwann stimmen sie im gesanglichen Duell mit den Hippies „I’m sailing“ an und kommen aufgrund ihres Schnapskonsums am Vorabend der rauchigen Stimme von Bonnie Tyler ziemlich nahe. Ich hingegen versuche, hinter der dichten Regenwand das nahende Ufer zur erahnen und erinnere mich daran, gelesen zu haben, dass ein Schwimmer in zehn Grad kaltem Wasser nicht besonders weit kommt. Qué mala suerte!

Unser kleiner Ausflugsdampfer schlägt sich jedoch recht wacker und genauso schnell, wie das Unwetter über uns hereingebrochen ist, verschwindet es wieder. Als wir an der Südseite der Insel an Land gehen, begrüßt uns zunächst noch leichter Nieselregen, aber fünf Minuten später brechen erste Sonnenstrahlen durch die hellgraue Wolkendecke. Die vierstündige Wanderung von der Süd- zur Nordspitze absolvieren wir schließlich bei strahlendem Sommerwetter und nur die dunklen Wolken am Horizont erinnern noch an das zurückliegende meteorologische Armageddon. Wegen des unsteten Wetters scheinen viele Touristen ihre Ausflugspläne verworfen zu haben und so begegnen wir auf unserer Wanderung nur einigen Schäfern mit ihren wolligen Schützlingen. Ein herrlicher Tag!

Da mir die Hektik eines organisierten Tagesausflugs im Allgemeinen gehörig auf die Nerven fällt, habe ich beschlossen, erst am nächsten Tag zurück nach Copacabana zu fahren und die Nacht auf der Isla del Sol zu verbringen. Laut Reiseführer halten die kleinen Dörfer hier ein paar einfache Zimmer für Touristen bereit und tatsächlich ist es nach Ankunft im winzigen Örtchen Cha’llapampa kein Problem, im lokalen Hostal ein Bett für die Nacht zu ergattern.

Am späten Nachmittag dieses langen Tages sieht man vom Dorf aus einen Münsterländer und zwei Tintenfische die Hügel hinter der Bucht hinaufwandern, um im warmen Licht der Abendsonne die heiligsten aller Inkaruinen zu besuchen. Hier, an der Nordspitze der Isla del Sol, soll der Sage nach der Schöpfergott Viracocha aus den Fluten des Titicacasees emporgestiegen sein, um seine ersten beiden Kinder zu erschaffen. Diese wanderten anschließend nach Cusco und gründeten dort das gewaltige Imperium der Inkas. Ach, ich mag diese Orte, an denen auf irgendeine Art und Weise der Hauch der Geschichte weht!

Wieder begegnen wir unterwegs nur ein paar Kindern mit ihren Schafen und haben alle Zeit der Welt, die Ruinen dieser Keimzelle des Inkareichs zu bewundern. Mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne kehren wir schließlich zurück nach Cha’llapampa. Nach einem wirklich feinen Abendessen im einzig offenen Restaurant am Ort fordern die müden Augen still aber merklich ihr Recht. Die dicken Decken meines Bettes halten tatsächlich warm, während draußen vor dem Hostal die Wellen an den kleinen Strand  schlagen. Wer weiß: Vielleicht ist es ja wirklich Viracocha, der tief unten im Titicacasee seine Kinder in den Schlaf wiegt. Träumt schön, ihr alle dort drüben in Europa!

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6 Gedanken zu „Im Grenzgebiet

  1. Hrrr-schon ein wenig gruselig Deine Beschreibung (aber wieder sehr kurzweilig :))! Werde das Überseemärchen denke ich etwasfür die U3-FFraktion optimieren, damit die danach auch noch schlafen.

    Wir haben uns gestern auch ib die große weite Welt außerhalb des Ratingener Gartens gewagt und sind im nahen Ausland (zählt Noordwijk schon dazu?) gleich heute morgen aus dem Frühstücksraum geflogen. Unangenehm…

    • Nordwijk ist definitiv schon ein wenig Ausland. Aber wieso seid ihr aus dem Frühstücksraum geflogen. Ich dachte, die Holländer sind so ein tolerantes Völkchen. Seltsam, seltsam…

      Lieben Gruß aus Bolivien…

  2. Die Holländer sinds auch (haben uns nach grosser Entschuldigung auch noch Rabatt gegeben), aber die greissen Deutschen im Ausland nicht. Kinder haben tatsächlich beim Frühstück gespielt -pfui, pfui!

  3. Gnaaa, Copacabanaa … da fotografierte ich mal ein drecksuhlende Sau und bekam auffn Deckel von ihrer Frau: Die Sau würde demnächst ableben wenn ich nicht schleunigst einen Dollar zahlte. Schräges Kaff. Hab nur Hippies und Fisch im Gedächnis, aber der Seee. Der Seeeee! Von dem nahegelegenen, atemraubenden Hügel beobachtet man einfach die abgefahrensten Wetterspektakel wo gibt! Maah, Stunden dort verbracht. Drei parallele Gewitterfronten getrennt von blauem Himmel. Blitze, dunkelviolette Wolken zerfressen von gelben Sonnenstrahlen. Abends 32-Bit-Farben über dir und langsam gefrierender Atem. Leck die Ziege … mich durstets auch schon wieder nach so einer Exkursion. Und diese helle Isla mit ausreichend Sol zaubert auch wahnsinns Farbkontraste vor dem dunkelblauen Wass0r.
    Hachja, ich werde mich dann vorerst im lokalen Okercabana vergnügen … Viel Spaß im bunten La Paz!!!

    • Ja, so ähnlich hab ichs auch empfunden. Seltsamer Ort mit seltsamen Touristen. Aber die Isla war echt toll. Inzwischen bin ich in La Paz. Die Stadt erinnert mich ziemlich an einen großen Ameisenhaufen, ist aber durchweg sympathisch. Mal sehen, was es hier so zu erleben gibt 🙂

      Herzliche Grüße nach Okercabana,

      Sven

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