Santiago zwischen den Zeilen

Völlig egal, wie lange ich schon unterwegs sein mag: Es ist immer wieder faszinierend, eine frische Hauptstadt kennenzulernen. Denn auch, wenn sich Lima, La Paz und Santiago denselben Kontinent teilen mögen, so ähneln sie einander gerade mal so sehr wie Hamster, Schildkröte und Wolpertinger. Was mag wohl die hiesige Hauptstadt nach all den Eindrücken von Peru und Bolivien für uns bereithalten? Gegen Mittag erreicht der Überlandbus die ersten Ausläufer der chilenischen Metropole und kurz darauf den Busbahnhof im Herzen Santiagos. Vor jeglicher Erkundung des neuen Reviers benötigen Mensch und Pulpo allerdings zunächst einmal ein vorläufiges Zuhause. Unser gebuchtes Hostal hält eine erste angenehme Überraschung für die Reisegruppe bereit: Das kleine, violette Haus in einer versteckten Seitenstraße des Zentrums ist mit Abstand die heimeligste Herberge, in der wir während der letzten zwei Monate abgestiegen sind. Unsere beiden Gastgeber, Walter und Marcello, haben eine verträumte Oase inmitten der quirligen Großstadt geschaffen, die sie sich nicht nur mit ihren ausländischen Gästen, sondern ebenfalls mit vier Hunden und vier Katzen teilen. Zwischen läutenden Windspielen, zutraulichem Streichelzoo und ziemlich farbenfrohen Wänden freut man sich auf Anhieb, seine Siebensachen für ein paar Tage in einen echten Kleiderschrank räumen zu können.

Letztendlich dauert das Auspacken in dem munkeligen Zimmer ein wenig, da sich Coco meinen Rucksack als akzeptablen Ort für eine kleine Siesta ausgesucht hat. Viel wichtiger als die katzenbedingte Verzögerung sind allerdings die kulinarischen Vorzüge unserer aktuellen Casa: Neben Spiegeleiern und liebevoll angerichtetem Obstsalat zieren jeden Morgen frisch gebackene Muffins den Frühstückstisch. Welch wundervolles Basislager, um von hier aus Santiago zu erkunden.

Zu Beginn macht es die Hauptstadt den besichtigungswilligen Reisenden nicht allzu leicht: Am 17. November finden in Chile Präsidentschaftswahlen statt. Demzufolge befindet sich die ganze Stadt im Wahlkampftaumel, was sich leider auch touristisch bemerkbar macht: Neben unzähligen Plakaten mit vertrauenswürdig lächelnden Kandidaten ist jedes halbwegs repräsentative Gebäude der Stadt mit diversen Wahlpavillons und Freilichtbühnen umstellt. Darüberhinaus scheint die Regierung das offizielle Jahr der Fassadenrenovierung und Denkmalpflege ausgerufen zu haben: Bei der Menge an Bauzäunen, die uns immer wieder die Aussicht verbauen, könnte ein fatalistischer Mensch böswillige Absicht vermuten. Zudem erscheinen die historischen Gebäude in Santiago nach all der kolonialen Pracht in den letzten Wochen und Monaten eher unscheinbar. Die Motivsuche wird wohl zur großen Geduldsprobe werden! Doch als wir das eingeschränkte Panorama erst einmal akzeptiert haben, offenbart uns die Hauptstadt ihre freundlichen Seiten: Santiago ist zwar nicht mit mondänen Prachtbauten vollgestopft und protzt auch nicht gerade mit typischen Postkartenansichten. Dafür lächelt uns an jeder Ecke das liebenswerte Alltagsleben mit all seinen Facetten entgegen.

Die modernen Straßenzüge erinnern an die Hauptstädte Europas, inklusive einer teilweise wirklich putzigen Ordnungsliebe, auf die die Einheimischen sehr, sehr stolz sind. Doch im Gegensatz zur europäischen Heimat bringt das geschäftige Treiben in Straßen die Stadt auf angenehme Art zum Pulsieren. Und so sind es eher die kleinen Dinge, die Santiago bei genauerem Hinsehen zu etwas ganz Besonderem machen:  Allmorgendlich trifft man in der örtlichen Fußgängerzone auf eine bunte Mischung aus Anzugträgern, Straßenverkäufern und den normalen Chilenos, die ihren Alltagsgeschäften nachgehen. Da gibt es die Cafés con Piernas (Cafés mit Beinen), die man augenscheinlich direkt aus den 50er Jahren in die Straßen von Santiago katapultiert halt. Im Innenraum servieren die namensgebenden Kellnerinnen in wirklich gewagt kurzen Röcken vorwiegend Einheimischen verschiedene Kaffeespezialitäten, die diesen Namen zur Abwechslung auch verdienen. Im Gegensatz zur allgegenwärtigen Nescafé-Plage duftet es hier endlich einmal nach frisch gemahlenem Kaffee und schwerem Espresso. Daneben existieren an jeder zweiten Ecke die beliebten Sandwicherias, deren Interieur aus Plastik und Linoleum abends im Licht einer kalten, weißen Neon-Sonne erstrahlt – militant retro und oft in Turnhallengröße, aber irgendwie auch ziemlich cool! Und nicht weit von der modern anmutenden Innenstadt befindet sich das künstlerisch angehauchte Barrio Brasil, das mit seinen abgewetzten Häusern, den grellen Graffitiwerken und dem bunt gemischten Publikum ein wenig ans Hamburger Schanzenviertel erinnert.

Doch neben dem Hier und Jetzt ist die Hauptstadt auch ein Ort, an dem vor nicht allzu langer Zeit die Geschichte getobt hat. Nur zur Erinnerung: Dieses Land hat 17 Jahre Militärdiktatur unter Pinochet hinter sich. Ich muss gestehen, ich wusste vor meiner Reise nur sehr grob über dieses dunkle Kapitel chilenischer Historie Bescheid. Allerdings existiert in der Hauptstadt das Museo de la Memoria y los Derechos Humanos (Museum der Erinnerung und der Menschenrechte), das die Jahre des rechten Regimes in zahlreichen Exponaten, Bild- und Tondokumenten aufarbeitet. Ich habe schon eine ganze Reihe Museen besucht, aber eine derart eindringliche Darstellung von Geschichte habe ich selten erlebt. Für die Chilenen sind die Jahre unter Pinochet immer noch ein äußerst sensibles Thema und Vieles, was ich an diesem Vormittag über die Zeit des totalitärem Regimes lerne, kommt mir aus unserer eigenen Vergangenheit ganz ekelhaft vertraut vor…

Mit den unterschiedlichen Erlebnissen zwischen damals und heute vergehen die Tage in der Hauptstadt viel zu rasant und plötzlich steht der Tag unserer Weiterreise vor der Tür. Doch bevor die Fahrt erneut in Richtung Flughafen geht, hat das große Drehbuch charmanterweise noch einen erinnerungswürdigen Schlusspunkt vorgesehen. Anstelle des allabendlichen Restaurantbesuchs hat Marcello vorgeschlagen, an diesem Abend für uns ausgehungerte Besucher zu kochen. Außer mir sitzen noch zwei wirklich witzige Neuseeländer am Tisch, so dass die zwei Aperitif-Runden Pisco Sour auf äußerst fruchtbaren Boden fallen. Nach einem reichhaltigen Tablett voller Empanadas und einem wundervollen Lachs von der Küste dreht die Weinflasche noch so manche Runde, bevor sich die nette Tischgemeinschaft irgendwann weit nach Mitternacht in ihre Gemächer trollt. Welch schönes Ausrufezeichen unserer Zeit in Santiago!

Als Walter am nächsten Morgen Rucksack, Münsterländer und zwei Tintenfische zum Flughafen kutschiert, blicke ich ein wenig wehmütig aus dem Seitenfenster auf die Silhouette der Hauptstadt hinaus. Wieder einmal erfüllt sich eine große Weisheit auf Reisen und im Leben: Eindrückliche Erlebnisse ereilen einen oft und unerwartet an Orten, wo man sie vorher niemals vermutet hätte. Felices sueños, amigos!

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