Der Teufel des Berges

Im Vergleich zur bolivianischen Hauptstadt kann die nächste Station unserer Reise eigentlich nur eine ruhige Landpartie werden. Tatsächlich bewahrheitet sich diese Prophezeiung rasch: Wenn das wilde, chaotische La Paz die Pippi Langstrumpf unter den bolivianischen Städten ist, dann benimmt sich Sucre dem gegenüber wie eine urbane Prinzessin Lillifee. Die Stadt schmeichelt dem Besucher mit strahlend weißen Gebäuden aus der Kolonialzeit und einer überaus adretten Plaza im altehrwürdigen Zentrum. Und während man sich noch wundert, dass anscheinend auch bolivianische Innenstädte ohne allgegenwärtiges Hupkonzert existieren, umweht einen der milde Sommerwind auf einer ferienhaften Höhe von 2790 Metern über dem Meeresspiegel. Ich glaub, wir sind im Urlaub!

Die Reisegruppe nimmt diese Atempause nach dem vorangegangenen Karussell an Impressionen dankbar entgegen und verlebt eine herrlich ereignislose Zeit in Boliviens „La Blanca“ (Die Weiße). Denn auch mit Lesen, Straßenschlenderei und Verkostung der lokalen Küche lassen sich durchaus ein paar Expeditionstage füllen. Damit das kulturelle Moment jedoch auch in dieser Stadt nicht zu kurz kommt, ringe ich mich zumindest zu einem Besuch im historischen Museum von Sucre durch. Dazu ist wohl eine kurze Erklärung notwendig: Bolivien blickt auf eine äußerst bewegte Geschichte zurück, geprägt von Kriegen gegen seine Nachbarländer sowie diversen inneren Revolten. So bringt es die nationale Historie seit der Unabhängigkeit auf über 200 Präsidenten, wobei manche nur für einige Stunden die Macht innehatten. Bei so viel Säbelrasseln verwundert es dann auch nicht, dass das Geschichts- und Militärmuseum an die örtliche Kaserne angegliedert ist. Nach dem Erwerb meiner Eintrittskarte bekomme ich meinen eigenen Rekruten an die Seite gestellt, der mit mir als einzigem Besucher einen Rundgang durch Boliviens Geschichte und sein Waffenarsenal antritt. Neben der Erkenntnis, dass auch im fernen Südamerika Kanonen der Firma Krupp und Karabiner der Firma Mauser hoch geschätzt werden, erhalte ich an diesem Nachmittag zumindest einen recht guten Überblick über Boliviens Historie. Welch seltsamer Museumsbesuch!

Nach unserer kleinen Verschnaufpause in Sucre befördert uns ein gar nicht mal so klappriger Bus nach Potosí – der ehemals wichtigsten Minenstadt Boliviens. Schon die spanischen Conquistadores hatten erkannt, dass der örtliche Berg Cerro Rico massenhaft Silber enthält und trieben daher ganze Dorfgemeinschaften der Einheimischen gnadenlos in die Stollen. Es wurde dermaßen viel Silber gewonnen, dass man daraus eine silberne Brücke von Südamerika nach Spanien hätte bauen können – zum Preis von 8 Millionen toten Indios in den Minen. Manche Dinge sind einfach zu schrecklich, um sie wirklich zu erfassen…

Auch heute noch ist Potosí eine Stadt, die vorwiegend vom Bergbau lebt. Allerdings gewinnen die Minenarbeiter mittlerweile nur noch kleine Erzmengen, die sie im Anschluss über ihre Kooperativen verkaufen. Es ist ein knochenharter Job, dem die Männer in den Stollen tagtäglich nachgehen, denn an den Abbaumethoden hat sich seit dem Mittelalter nicht viel geändert. Als Tourist kann man die Minen heute  im Zuge geführter Touren besuchen, um einen kleinen Eindruck vom Alltag der Mineros zu erhalten. Und so mache ich mich an einem sonnigen Mittwochmorgen zusammen mit zwei Brasilianern und einem ehemaligen Minenarbeiter auf den Weg hinauf zum Cerro Rico. Trudi und Oleg bleiben an diesem Morgen freiwillig im Hostal. Wahrscheinlich kann sich ein Tintenfisch an den Gedanken von Millionen Tonnen Gestein, die über seinem Kopf lagern, nur schwerlich gewöhnen.

Nachdem wir mit Klamotten, Stiefeln und Grubenhelm ausgerüstet worden sind, macht die Gruppe einen kurzen Abstecher zum örtlichen Bergarbeiter-Markt, auf dem es alles zu kaufen gibt, was für die Arbeit unter Tage benötigt wird. Da die Kumpel ihre komplette Ausrüstung selbst finanzieren müssen, ist es üblich, dass die Besucher ihnen Geschenke mit in die Minen bringen. Geschätzt werden dabei vor allem die Dinge für den alltäglichen Gebrauch in den Stollen: Getränke gegen den Durst, Kokablätter gegen die Müdigkeit und…Dynamit. Kein Witz: Bei dem Markt in Potosí handelt es sich um den einzigen Ort in ganz Bolivien, wo Sprengstoff ohne jegliche Beschränkung und Kontrolle frei verkauft werden darf. Wenig später mache ich mich mit meiner Geschenktüte, in der neben anderen Dingen auch zwei Stangen Dynamit schlummern, auf den Weg zum Bergwerk.

Kurz darauf geht es dann tatsächlich in die Mine. Drinnen empfängt uns kalte und feuchte Dunkelheit. Mit jedem Schritt, den wir weiter in die Innereien des Berges machen, schwindet das letzte bisschen Tageslicht in unserem Rücken, bis schließlich nur noch der Strahl unserer Helmlampen über die modrigen Wände des Stollens tanzt. Ronald, unser Guide und selbst ehemaliger Minenarbeiter, kann hier noch aufrecht gehen, aber selbst in diesem komfortablen Teil der Mine muss ich mich schon leicht gebückt bewegen. 300 Jahre sind diese Gänge alt, in denen bereits die spanischen Eroberer nach Silber suchen ließen.

Bevor wir uns weiter in die Tiefe wagen, machen wir allerdings dem Teufel des Berges unsere Aufwartung. Die Mineros von Potosí glauben an einen mächtigen Dämon in Gestalt eines Teufels, der über die hiesige Unterwelt herrscht. Dieser teuflische Schutzpatron, der auch El Tío („Der Onkel“) genannt wird, kann den Männern bei der Suche nach Erzen immensen Reichtum bescheren, sie aber auch unversehens ins Verderben stürzen. Um ihn bei Laune zu halten, findet jeden Freitag in den Minen eine Art Gottesdienst statt, um El Tío auch weiterhin gnädig zu stimmen. Zu diesem Anlass trinken die Männer 96%igen Schnaps gemischt mit Saft, während sie dem Onkel Geschenke in Form von Zigaretten, Alkohol und Kokablättern darbringen.

Bei unserem Ausflug beschränken wir uns auf einen kurzen Besuch beim Teufel des Berges. Die Gruppe lässt sich zu Füßen einer Dämonenstatue nieder und Ronald erzählt uns viel über das Leben der hiesigen Bergleute. Seine Berichte sind wirklich eindrücklich, aber auch genauso erschreckend. Zum Beispiel gibt es kein Mindestalter für die Arbeit in den örtlichen Minen. Die Kinder folgen ihren Vätern in die Stollen, wenn diese es gesundheitlich nicht mehr schaffen oder einem der häufigen Grubenunglücke zum Opfer fallen. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Bergmanns in Potosí beträgt demnach auch nur zwischen 45 und 55 Lebensjahren.

Nach diesem kurzen Einblick geht es weiter in die Mine hinab. Die Stollen werden zunehmend enger, so dass wir uns zeitweise nur auf allen Vieren vorwärts bewegen können. In den Bereichen, wo gearbeitet wird, ist die Luft staubig und verströmt einen ungesunden Gasgeruch. Wir treffen auf schwitzende und keuchende Bergleute, die nur mit Hammer und Meißel bewaffnet Sprenglöcher für das Dynamit in den Berg treiben. Im Anschluss wird das nächste Stück der erzhaltigen Adern freigesprengt und die gewonnenen Felsbrocken in 1000 Kilogramm schweren Loren manuell nach draußen transportiert. Dementsprechend kauen die Männer den ganzen Tag Kokablätter, um Hunger, Durst und Erschöpfung auf ein einigermaßen erträgliches Maß zu reduzieren. Auf Einladung unseres Guides leihe ich mir kurz den Hammer eines Bergmanns, um zumindest ansatzweise zu begreifen, was körperliche Arbeit unter diesen Bedingungen bedeutet. Doch bereits nach wenigen Minuten bin ich in der staubigen Luft mit meiner Atmung völlig am Ende. Als Minenarbeiter würde ich es hier unten keinen halben Tag lang aushalten!

Nachdem wir zwei Stunden durch die Eingeweide des Cerro Rico gekrochen sind, geht es endlich wieder zurück ans Tageslicht. Ganz ehrlich: Ich war noch nie so froh, den blauen Himmel zu sehen, die Sonne in meinem Gesicht zu spüren und klare, staubfreie Luft zu atmen.

Als die Minen hinter mir liegen und ich mit der langersehnten Dusche im Hostal Staub und Dreck herunterwasche, nagen innere Zweifel an mir. Schon vor der Exkursion habe ich lange, lange überlegt, ob ich einen Besuch in den Minen von Potosí vor mir selbst tatsächlich rechtfertigen kann. Ist es nicht völlig pervers, wenn reiche Westeuropäer diese dunklen Stollen besichtigen, um Männern bei der Arbeit zuzusehen, die für ein paar Euro jeden Tag ihr Leben riskieren? Männer, die stolz auf ihren Beruf sind, aber gleichzeitig wissen, dass sie aller Wahrscheinlichkeit nach ein recht kurzes Leben führen werden?

Auf der anderen Seite sind die Geschenke der Touristen bei der Jagd nach den Erzen höchst willkommen, da die Minenarbeiter wirklich jede Stange Sprengstoff selbst beschaffen müssen. Darüberhinaus habe ich darauf geachtet, mit einer Agentur in das Bergwerk zu gehen, die mit einem Teil der Erlöse den Schulbesuch von Kindern aus Bergarbeiterfamilien fördert. Vielleicht gibt es ja so für einige von ihnen eines Tages wirklich eine Alternative zur Arbeit in den Stollen von Potosí. Diese Exkursion war tatsächlich mehr als beeindruckend, und trotzdem: Der Ausflug zum Cerro Rico ins Reich von El Tío wird mich bestimmt noch eine ganze Weile beschäftigen. Cuidate!

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2 Gedanken zu „Der Teufel des Berges

  1. Krupp? Bergbau? Schnaps? Zigaretten? Bergarbeiterbier?
    Du hast dich verlaufen: den Teil der Welt nennt man im Volksmund „Ruhrpott“.
    Vermutlich ist nur die Kiosk-Dichte geringer.

    Ich wünsche dir noch viel Spaß im wahrscheinlich süd-westlichsten Dortmund der Welt!
    Arne

    • Piep! Einige Dinge könnten wirklich aus dem Pott importiert sein. Die Menschen vor Ort waren daher auch sehr interessiert an Geschichten aus dem Ruhrgebiet. Aber an die hiesigen Bierpreise kommt selbst das gute, alte Dortmund nicht heran. Dafür müssen wir freitags keinen Dämonen-Gottesdienst abhalten…

      Lieben Gruß aus Chile,

      Sven

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