Tief im Kaninchenbau

Wenige Tage nach den Erlebnissen in den Minen von Potosí erreicht unsere Reisegruppe die kleine bolivianische Stadt Tupiza. Bei dem Ort selbst handelt es sich nicht unbedingt um ein touristisches Kleinod. Abseits der üblichen Reiserouten gelegen, liegt das bebaute Fleckchen Erde in puncto Fremdenverkehr noch in tiefstem Dornröschenschlaf. Trotzdem führt auf unserer Reise durch die Staaten Südamerikas kein Weg an der kleinen Stadt im Süden des Landes vorbei. Schließlich handelt es sich bei Tupiza um einen der beiden Ausgangspunkte für eine abenteuerliche Fahrt mitten hinein in die Vulkanlandschaften und Salzwüsten in Boliviens Grenzgebiet.

Die 48 Stunden in der kleinen Stadt nutze ich für die notwendigen Vorbereitungen unserer viertägigen Expedition in die unberührten Landschaften des Nationalparks. Fütterung des Blogs mit den Geschichten aus Potosí, notwendige Ergänzung der Bargeldreserven, letzte Absprachen mit der Agentur – es gibt genug zu tun, bevor ich meinen Rucksack schließlich am frühen Sonntagmorgen auf das Dach unseres Geländewagens wuchte. Nach Verstauung des Gepäcks folgen zehn Minuten Daumendrücken und gespanntes Schielen auf die nahegelegene Straßenecke, denn eines habe ich inzwischen gelernt:  Das Erlebnis jeder mehrtägigen Tour steht und fällt mit den übrigen Teilnehmern der bunt zusammengewürfelten Reisegruppe. Doch da unser Südamerika-Abenteuer bisher unter einem guten Stern steht, habe ich auch dieses Mal wieder unverschämtes Glück: Olivier und Gladys aus Belgien sowie Stephen aus Schottland entpuppen sich als verflucht nette Zeitgenossen, die ich bereits drei Querstraßen nach Abfahrt ins Herz geschlossen habe. Und so schießt unser Geländewagen mit vier Europäern, Fahrer, Guide und zwei staatenlosen Tintenfischen hinaus in die unberührte Bergwelt vor den Toren Tupizas.

Bereits nach wenigen Kilometern auf der geröllverseuchten Piste erinnert nichts mehr an die Zivilisation irgendwo in unserem Rücken. Tapfer kämpft sich der Allradantrieb die Hänge  hinauf und durchpflügt die weiten, unberührten Täler der Hochebene. Ich weiß nicht genau, was ich von dieser Tour erwartet habe, aber die vorbeifliegenden Landschaften sind fantastischer, als ich es mir jemals erträumt hätte. Rot, gelb, braun, grün – jedes Tal überrascht uns in einer anderen Farbenschattierung. Es wirkt, als sei ein zu groß geratenes Kind mit seinem überdimensionalen Wasserfarbmalkasten durch die Lande gezogen und habe hinter jedem Bergrücken viel Zeit zum Spielen gehabt. Als wir abends vor der windschiefen Tür unserer ersten Herberge zum Stehen kommen, bin ich mir eigentlich sicher, dass die Eindrücke des ersten Tages nicht mehr zu übertreffen sind. Wie sehr der Mensch doch irren kann!

Am nächsten Morgen tun sich Tourist und Tintenfisch schwer, die wohlige Wärme ihres dicken Schlafsackes zu verlassen. Ich wusste ja vorher, dass die Temperaturen im Altiplano nach Einbruch der Dunkelheit ins Bodenlose fallen, aber diese Nacht war einfach nur eisig. Unsere Behausung aus Lehm bietet so gut wie keinen Schutz vor der Kälte und alles was in den letzten Stunden zwischen uns und unserem kondensierenden Atem gelegen hat, waren Schlafsäcke und mehrere Lagen dicker Kleidung. Egal, als wir unsere Rucksäcke im Wagen verstauen, verschwindet langsam die unangenehme Kälte aus den Knochen und ein neuer Tag bricht an.

Jedes Mal, wenn unser Gefährt in den nächsten beiden Tagen die Fahrt verlangsamt, bin ich der Meinung, durch nichts mehr überrascht werden zu können – und jedes Mal werde ich eines Besseren belehrt. Auf unserem langen Weg durch das Land der Vulkane begegnet uns ein faszinierendes Naturschauspiel nach dem anderen: Wir passieren strahlend weiße (!) Seen, in denen sich Hunderte von Flamingos auf der Suche nach Nahrung tummeln. Wir klettern durch die Trümmer einer verfallenen Geisterstadt, die von den Spaniern damals auf der Suche nach Gold errichtet wurde. Wenige Kilometer weiter wandeln wir durch eine surreal anmutende Vulkanebene, in der brodelnd und zischend Dampf aus dem Boden schießt. Um uns herum blubbern bedrohlich schlammig-graue Tümpel, während der allgegenwärtige Geruch von Schwefel die Szenerie perfekt macht. Wäre man weniger ein Kind der Naturwissenschaften, würde man diesen Ort mit ziemlicher Sicherheit für einen direkten Zugang zur Hölle halten. Unser Weg führt uns vorbei an roten und türkisfarbenden Lagunen, die teilweise so giftig sind, dass sich kein Lebewesen in ihre Nähe verirrt. Andere wiederum sind ein wahres Schlaraffenland für die allgegenwärtigen Flamingos auf ihrer Jagd nach Futter.

Hätte ein Maler all diese unglaublichen Panoramen ersonnen, so könnte man ihm ganz gewiss keinen Mangel an Phantasie unterstellen. Allerdings würde ich mir gleichzeitig dezente Sorgen um den Geisteszustand dieses kreativen Geistes machen: Allzu trostlos und bizarr wirken die Landschaftsgemälde, die wir auf unserer Reise durchs südliche Altiplano passieren. Mit jedem Tal, das uns unterwegs seine seltsamen Wunder offenbart, fühle ich mich ein wenig mehr wie Alice im Wunderland, die weiter und weiter in die Tiefen des Kaninchenbaus vordringt.

Nach drei Tagen Staunen und Erkundung erreichen wir schließlich die Salar de Uyuni – Hauptattraktion und das eigentliche Ziel unserer Reise. Kaum zu glauben, dass all die spektakulären Orte vorher nur ein kleiner Vorgeschmack auf den eigentlichen Höhepunkt unserer Expedition gewesen sein sollen. Hinter dem klangvollen Namen verbirgt sich jedoch ein ganz besonderes Naturschauspiel: Wir befinden uns in der größten Salzpfanne der Welt! Was uns heute wie eine endlose Ebene aus weißem Kristall vorkommt, ist in Wirklichkeit nur die Salzkruste eines riesigen urzeitlichen Sees, der auch heute noch unter dem dreißig Zentimeter dicken salzigen Panzer schlummert.

Unsere letzte Nacht vor der Fahrt durch die weiße Wüste verbringen wir in einem Hostal, das komplett aus Salz errichtet wurde. Irgendwie seltsam, barfuß aus dem Bett zu hüpfen und einen körnigen Untergrund unter den Zehen zu spüren, den man normalerweise als Gewürz in der Küche vermuten würde. Okay, ich will ehrlich sein: Weil ich es nicht wirklich glauben kann, warte ich einen unbeobachteten Augenblick ab und teste ganz kurz den Tisch im Gemeinschaftsraum – schmeckt wirklich salzig!

Morgens um fünf schnüren wir ein letztes Mal unsere Rucksäcke und machen uns zeitig auf den Weg, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang in der Salzwüste zu sein. Als die Sonne eine Stunde später über den weißen Horizont blinzelt, ist es wirklich ein zauberschönes Schauspiel, das dort mitten im Nirgendwo für uns aufgeführt wird. Die knapp bemessene Nachtruhe hat sich wahrhaftig gelohnt! Nach einem motivierenden Frühstück auf einer kleinen felsigen Insel irgendwo im Meer aus Salz begeben wir uns auf die letzte Etappe unserer abenteuerlichen Reise. Und obwohl ich noch alle Schauplätze der vergangenen Tage deutlich vor meinem inneren Auge habe, so erscheint es mir doch passend, dass die Salar de Uyuni den Höhepunkt unserer Fahrt markiert. Es ist schwer zu beschreiben, wie dieser obskure Ort auf einen Menschen wirkt. Stellt euch einfach einen Platz vor, aus dem jegliche Landschaftskonturen entfernt wurden. Alles was der Blick des Betrachters erfasst, ist eine zweifarbige Ebene, unterteilt in das tiefe Blau des Himmels und das strahlende Weiß des Untergrundes. Ich kann euch versichern: Es ist und bleibt ein Anblick, der den Besucher verwirrt! Oleg und Trudi begegnen der Salzwüste dagegen mit einer gehörigen Portion Skepsis. Für sie als Meeresbewohner erinnert Salz in seiner Reinform wahrscheinlich etwas zu sehr an die unschöne Technik des Pökelns.

Nach 1000 Kilometern im Geländewagen erreichen wir kurz darauf die Wüstenstadt Uyuni, wo sich unsere vorübergehende Reisegemeinschaft auflöst und jeder seiner Wege geht. Es ist ein überaus herzlicher Abschied, was zum einen natürlich an den großartigen Menschen liegt, aber auch an all den wundersamen Dingen, die wir in den letzten Tagen gemeinsam erlebt haben. Am Nachmittag verabschiede ich mich innerlich von Bolivien und mache mich auf den Weg zur chilenischen Grenze. Doch einer Sache bin ich mir sicher: Auf der Leinwand meines Kopfkinos wird noch viele, viele Wochen der Film über das Land der Vulkane und die größte Salzwüste unseres Planeten zu bewundern sein!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

2 Gedanken zu „Tief im Kaninchenbau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s