Nordkurve

Bevor wir uns auf den Weg in Richtung Pazifikküste machen, legt die Reisegruppe zunächst einen Stopp in San Pedro de Atacama ein. Nach den vier Tagen in der Salzwüste steht mir der Sinn einfach mal wieder nach ein wenig Nichtstun. Okay, stimmt nicht ganz: Die Erlebnisse aus dem Vulkanland wollen in Textform gegossen werden und ein ganzer Sack voller Fotos schreit nach sofortiger Zuwendung. Ganz davon abgesehen sehne ich mich wirklich danach, für ein paar Tage nicht jeden Morgen aufs Neue meinen Rucksack zusammenpacken zu müssen. Also suchen wir uns nach dem Grenzübertritt nach Chile ein kleines feines Hostal am Rande der beschaulichen Wüstenoase und genießen das wohlige Gefühl, tatsächlich angekommen zu sein.

San Pedro de Atacama ist ein lustiges Fleckchen Erde: Mit seinen weißen und braunen Häusern aus Lehmziegeln erinnert das Städtchen an ein mexikanisches Wüstenkaff aus irgendeinem Western. Für die perfekte Illusion fehlen im Straßenbild lediglich ein paar Sombreros und grimmige Revolverhelden! Stattdessen ist der Ort voll mit zotteligen Aussteigern aus aller Herren Länder, die an der Plaza allabendlich Gitarre und Rotweinflasche kreisen lassen. In den kleinen Restaurants der Fußgängerzone bekommt man wirklich hervorragende Gerichte, deren Mischung aus europäischer Küche und lokalen Zutaten das Abendessen zum Höhepunkt des Tages werden lassen. Gegessen wird oftmals in heimeligen Innenhöfen, in deren Mitte bei Einbruch der Dunkelheit ein großes, offenes Feuer prasselt. Die ganze Stadt ist der lebendig gewordene Bob Marley Song: Friedlich, bekifft und irgendwie nicht so ganz in dieser Welt. Es wäre bestimmt nicht der Platz auf unserem Planeten, an dem ich später einmal alt werden möchte, aber es ist der perfekte Ort, um für ein paar Tage seinen Gedanken nachzuhängen und sowohl Füße als auch Seele baumeln zu lassen.

Nach vier Tagen und Nächten mit heißer Dusche, weichem Bett und morgendlichem Frühstück zwischen Kakteen scharren die Wanderschuhe unruhig in der Ecke. Mensch und Pulpo sind überaus erholt und es ist an der Zeit, sich erneut auf den Weg zu machen. Auf unserer langen Reise nach Santiago nehmen wir die große Kurve durch den Norden, um uns der Reihe nach die größeren Küstenstädte des Landes anzuschauen. Wenn man in Chile von Nord nach Süd reisen will, herrscht wirklich eine einmalige Ordnung auf der Landkarte: Links die Anden, rechts der Pazifik und nur eine Richtung, in die man sich bewegen kann – vorwärts!

Erste Station an der felsigen, rauhen Küste ist die schmucke Hafenstadt Iquique, die vor dem Pazifikkrieg noch zu Bolivien gehörte. Dem Ort selbst mangelt es vielleicht an umwerfenden Sehenswürdigkeiten, aber das ganze Panorama der Stadt ist einfach hübsch anzuschauen. Wir schlendern durch ein Stadtzentrum aus bunten, kolonial anmutenden Holzhäusern, während im Hintergrund der allgegenwärtige Pazifik rauscht. Der neuere Teil von Iquique besitzt eine ausladende Strandpromenade, die man inklusive all der Skateboarder und Rollerblader eher in Malibu vermuten würde. Nach all den Wochen in Bergen und Wüsten empfinden die beiden Pulpos und ich es als wahre Wohltat, endlich am Meer zu stehen. Der frische Wind duftet nach Salz, die Möwen geben ein kreischendes Konzert und vom Hostal aus sind es nur fünf Minuten Fußmarsch zum Hafen.  Herrlich! Während eines kleinen Spaziergangs entlang der bunten Fischerboote überfällt mich erneut die Erkenntnis, was mich an Südamerika so unglaublich fasziniert. Um den kleinen, naiven Touristen zu unterhalten, versteht es dieser Kontinent immer wieder vortrefflich, plötzlich und unerwartet eine neue Überraschung aus dem Hut zu zaubern. So auch an diesem Morgen: Wo bei uns an Nord- und Ostsee Möwen zur natürlichen Hafenkulisse gehören, leistet sich Chile eine wesentlich exotischere Variante: Der lokale Fischmarkt wird von riesigen Pelikanen bevölkert, die wie selbstverständlich zwischen den einzelnen Ständen herumwatscheln. Der Blick hinüber zum Bootsanleger irritiert mich ein zweites Mal: Was ich anfänglich für Treibholz oder veralgte Bojen gehalten habe, entpuppt sich als Herde gewaltiger Seelöwen, die träge im trüben Wasser zwischen den Holzbooten dümpeln. Die mächtigen Tiere geraten jedes Mal in helle Aufregung, wenn die Fischabfälle des Marktes ihren Weg ins Hafenbecken finden. Plötzlich ist die Wasseroberfläche ein einziges Gemenge aus Köpfen und Flossen, das alle umliegenden Boote gehörig ins Schaukeln bringt. Welch ein Schauspiel! Als das Restaurant um die Ecke an diesem Abend auch noch vorzüglichen Lachs in einer anbetungswürdigen Sauce aus Meeresfrüchten serviert, hat die Stadt endgültig gewonnen. Sollte ich mich irgendwann einmal vor der Welt verkriechen müssen, wäre Iquique hier im Norden Chiles eine echte Option!

Bevor wir uns der nächsten Etappe zuwenden, steht noch ein außergewöhnlicher Tagesausflug auf dem Programm. 40 Kilometer landeinwärts, mitten in der sengenden Wüste, liegt das stillgelegte Salpeterwerk Humberstone inklusive verlassener Arbeiterstadt! Beides gehört inzwischen zum UNESCO-Weltkulturerbe und kann von neugierigen Münsterländern besucht werden. Eine komplette Geisterstadt, in der man völlig frei herumwuseln kann – welch fantastischer Abenteuerspielplatz für große Jungs!

Nach einer Stunde Fahrt durch eine wahrhaftig wüste Gegend hält der örtliche Rumpelbus mitten im Nirgendwo und entlässt uns in die Freiheit. Genau so eine Kulisse hatte ich mir erträumt: Inmitten der sandigen Weite begrüßen uns verrostete Industrieanlagen, während die Häuser der vergessenen Kleinstadt von vergangenen Zeiten träumen. Wir sind absichtlich ohne eine geführte Tour hierher gekommen, denn für so einen Ort braucht man einfach viel, viel Zeit. Über drei Stunden schlendert die Reisegruppe durch die staubigen, verlassenen Straßen und lässt die seltsame Szenerie auf sich wirken. Es gibt eine verwaiste Schule, ein kleines Theater und sogar Sportanlagen. Seltsam und auch ein wenig gruselig, in einem verwaisten Klassenzimmer zu stehen,  durch das vor 50 Jahren noch Kinder tobten. Dies ist wieder einer dieser Orte, an denen fast greifbar der Hauch der Geschichte weht…

Am darauffolgenden Tag trägt uns der Bus weiter nach Süden. Nächster Halt auf unserer Reise entlang der Pazifikküste ist Antofagasta, eine Industriestadt mit riesigem Frachthafen. Welch ein Szenenwechsel im Vergleich zu Iquique! Antofagasta ist laut, dreckig und zumindest in der Hafengegend mit dubiosen Gestalten bevölkert. In den Straßen des Zentrums reiht sich eine Spielhölle an die nächste, was nicht gerade für den wonnigen Charakter dieser Stadt spricht. Als auf einer Erkundungstour durch die Betonschluchten auch noch ein struppiger Straßenköter versucht, seine Fangzähne in meiner Ferse zu versenken, bin ich außerordentlich froh, dass die Reisegruppe nur 24 Stunden in dieser spelunkigen Gegend verweilt. Aber ich will auch nicht das Armageddon herbeischreiben: Selbst im wenig einladenden Antofagasta sind die Seelöwen im Hafenbecken äußerst liebreizend (siehe Foto) und das Fußballtraining der örtlichen Jugend findet abends am Strand statt. Darüberhinaus steht uns aus unerfindlichen Gründen für die Nacht ein komplettes Appartement mit zwei Schlafzimmern, Ledersofa und umlaufendem Balkon zur Verfügung. Jeder noch so garstige Ort auf dieser Welt hat halt auch sein Gutes!

Letzter Zwischenstopp auf unserem Weg nach Santiago ist La Serena. Die Pazifikstadt ist Urlaubsziel für viele Chilenen und eine nette Abwechslung nach dem angedeuteten Überlebenstraining in Antofagasta. Es gibt einen 20 Kilometer langen Sandstrand, einen putzigen Leuchtturm und eine ganze Straße voller Fischrestaurants. Nachdem Trudi und Oleg festgestellt haben, dass die Speisekarte keine Tintenfischgerichte aufweist, freuen sich Mensch und auch Pulpo über einen unbeschwerten Abend am donnernden Pazifik inmitten maritimer Glückseligkeit.

Mit diesen Tagen zwischen Muscheln, Wellen und Strand endet unsere große Schleife durch Chiles bunt gefächerten Norden. Morgen wuchten wir erneut den Rucksack in den Bus und begeben uns nach Santiago. Die Hauptstadt wird vorerst der zivilisatorische Zenit unserer Südamerika-Erkundung. Draußen schmeckt die Luft schon ein wenig nach November und im Hintergrund laufen bereits die Vorbereitungen für das größte Abenteuer unserer gesamten Expedition: Die aufregende Reise hinab zu den Bergen und Gletschern Patagoniens!

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6 Gedanken zu „Nordkurve

  1. Guten Morgen! Welch Freude jeden Sonntag :).

    Ist der Privat-Kinderdoc Ausland und führt seine Haustiere spazieren müssen wir uns mit unseren wehwehchen an die Kollegen in Düsseldorf wenden. Eine Nacht in der Kinderklinik mit ordentlichem Pseudokrupp und insgesamt 4kindern+4Erwachsensen auf dem Zimmer. Puh!
    Da erfreuen die übermüdeten Augen deine Erzählungen umso mehr 🙂

    • Ach, Shit! Klingt nicht gerade nach Lagerfeuer und Stockbrot. Na, dann hab ich gerne zu ein wenig Wohlbefinden beigetragen. Hoffentlich sind Ratinger Erwachsener und Kind bald wieder zuhause…

      Herzliche Grüße aus La Serena,

      Sven

  2. Guten Abend, mein persönlicher Favorit ist doch „Super pollo“ . Schön von dir zu hören. Hier tobt der normale Wahnsinn, herbstliche Temperaturen läuten allmählich die kalte Jahreszeit ein und Lebkuchen und Co haben schon längst ihren Weg in die Supermarktregale gefunden. Liebe Grüsse an Deine Mitreisenden. Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung. M

    • Wunderschönen guten Morgen! DER Super Pollo neben meinem Hostal sah ziemlich gerupft aus, aber die Kette gibts immer noch. Wirkt von außen allerdings wie unsere alten Kochlöffel-Filialen damals. Ich geh mal in die Stadt, damit ich Sonntag auch wieder was aus Santiago zu berichten hab. Und ganz ehrlich: Die Jahreszeiten fehlen mir. Ich freu mich jetzt schon auf Glühwein und Lebkuchen.

      Herzliche Grüße an dich und die Damen,

      Sven

  3. Wie ging das denn mit dem Straßenköter aus?
    Die Jahreszeiten fehlen uns heute allerdings auch, 22 Grad und Sonne am 22 Oktober, da ist einem nicht nach Glühwein und Lebkuchen zumute, obwohl das alles in der Tat seit langem in den Supermärkten steht.
    Die Klonkisse

    PS: Gleich spielt der BVB bei Arsenal London. Kriegst du davon eigentlich was mit? In Kanada war das Interesse an der Fussballeuropameisterschft im letzten Jahr doch erstaunlich groß, auch bei den Kanadiern und nicht nur bei deinen Meisjes;-)

    • Piep! Da die Reise unter einem guten Stern steht, ist alles gut ausgegangen: Die Töle hat geknurrt und geschnappt, hat dann aber irgendwie das Interesse verloren. Und mit den BVB Spielen ist das so eine Sache: Wenn ich ganz, ganz schnelles Internet hab, funzt ab und zu das BVB Radio. Ansonsten begnüg ich mich mit den Spielberichten, wenn alles vorbei ist. Hier gibts halt keine Sportbars wie im wundervollen Kanada 🙂

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