Über den Fjord und in die Wälder

Der große Plan für die Erkundung des ungezähmten Südens sah ursprünglich einen gemütlichen Aufenthalt in Puerto Montt vor. Die mittelgroße Stadt kurz vor der Grenze Patagoniens ist vorerst die letzte zivilisatorische Bastion auf unserer Reise nach Feuerland. Doch kurz nachdem unser Flieger an einem Freitag auf dem örtlichen Flughafen landet, überschlagen sich die Ereignisse. Die Internet-Recherche hatte schon vorher ergeben, dass der Transport in die spärlich bewohnten Gegenden Chiles nicht ganz einfach werden wird.

Die Reederei, deren Passagierschiff abenteuerlustige Touristen normalerweise in Richtung Süden transportiert, hat den Kahn aus irgendwelchen Gründen vor Kurzem verkauft. Ein wirklicher Ersatz war bei Ebay wohl auf die Schnelle nicht aufzutreiben, so dass alle Reservierungen ab Oktober kurzerhand storniert wurden. Auf der Linie verkehrt zwar noch ein leicht angerosteter Frachter, der irgendwo in seinen Eingeweiden ein paar Kabinen für Reisende bereithält, aber für dieses Schiff existieren weder Reservierungsmöglichkeiten noch ein verlässlicher Fahrplan. Irgendwie möchte ich die Idee, per Schiff nach Patagonien vorzustoßen, aber doch nicht ganz fallenzulassen, zumal die unschöne Alternative in einer sechsundreißigstündigen Busfahrt über Argentinien besteht.

Also macht sich die Reisegruppe vom Flughafen aus direkt auf den Weg zu den Hafenanlagen, um als Allererstes bei der zuständigen Reederei vorzusprechen. Als die überaus freundliche Dame im Büro mir erklärt, dass sich die Amadeo I immer freitags auf den Weg nach Puerto Natales macht, bin ich wirklich geknickt: Gerade eben haben wir also das ersehnte Schiff verpasst und anstelle einer wundervollen Fahrt durch die chilenischen Fjorde eine anderthalbtägige Rumpeltour im Langstreckenbus gewonnen. Herzlichen Glückwunsch! Drei Dialogzeilen später stellt sich allerdings zu meiner großen Überraschung heraus, dass die Amadeo erst gegen Abend die Anker lichtet. Und nicht nur das: Auf meine zaghafte Nachfrage hin erklärt mir die Señora, dass sie sehr wohl noch einen freien Kabinenplatz im Angebot hätte. Und so verwandeln sich innerhalb von Sekunden dunkle, grummelige Gedanken in ein breites Lächeln und einen fantastischen Tag! Eine Reisepassnummer plus eine Kreditkartenzahlung später sind wir stolze Besitzer einer Schiffspassage nach Puerto Natales im tiefen Süden Chiles. Vor uns liegen dreieinhalb Tage an Bord und 1800 Kilometer durch die einsamen Küstengewässer Patagoniens. Die Reise steht wirklich unter einem guten Stern! Unsere verbleibende Zeit bis zum Einschiffen reicht gerade noch aus, um in der Stadt die wichtigsten Nachrichten abzusetzen und sich bei der Gelegenheit mit einer Flasche Whisky einzudecken. Als die Sonne langsam hinter den bewaldeten Hügeln verschwindet und den Abendhimmel über Puerto Montt in ein glühendes Rot taucht, setzt sich die Amadeo langsam in Bewegung. Auf nach Patagonien!

Mit jeder Seemeile, die wir uns vom Hafen entfernen, wird die Landschaft ringsumher einsamer. Am Ufer werden die kleinen, bunten Häuser langsam von knorrigen Bäumen abgelöst, während der frostige Wind zunehmend dickere Kleidung erfordert. Es ist wirklich eine seltsame Reisegesellschaft, mit der wir hier unterwegs sind: Neben den zwölf chilenischen Lastwagenfahrern, die ihre Fracht nach Süden transportieren, sind auch neun versprengte Touristen aus aller Herren Länder an Bord. Die sechs Kojen unserer Kabine teile ich mir mit einer bunt zusammengewürfelten Meute aus Ecuador, Mexiko und Spanien, so dass auch während der Überfahrt das alltägliche Sprachtraining nicht zu kurz kommt. Darüberhinaus befinden sich zwei Pärchen aus Australien und der Schweiz auf unserem Kahn, die sich allesamt als überaus gesellige Zeitgenossen entpuppen. Feinerweise gehen die Gespräche mit den Eidgenossen und den Menschen aus Down Under über das übliche Wortgeplätscher hinaus, so dass auf der lange Reise nach Puerto Natales ganz gewiss kein drückendes Schweigen herrschen wird.

Die Tage an Bord der Amadeo haben ihren ganz eigenen Rhythmus. Tagsüber hat man überreichlich Zeit für die Arbeit am Blog, Fotobearbeitung und den Verzehr diverser Bücher. Unsere Brummifahrer verbringen die Überfahrt vor dem großen Fernseher im Gemeinschaftsraum mit einem fortwährenden Filmmarathon, der eigentlich nur durch die nächtlichen Schlafphasen kurz unterbrochen wird. Die Genrewahl ist dabei recht überschaubar und beschränkt sich meist auf Filme, in denen ziemlich viele Menschen ziemlich blutig zu Tode kommen…und Forrest Gump! Benötigt der Kopf zwischen Roman und Gemetzel doch einmal etwas Abkühlung, so hilft ein kurzer Spaziergang auf dem Oberdeck. Dort umfängt einen die endlose Weite der patagonischen Fjorde, die bei dem kleinen Münsterländer jedes Mal aufs Neue für andächtiges Staunen sorgt. Der schneidende Wind zerrt an Haaren und Winterjacke, während wir uns unter den monoton arbeitenden Maschinen der Fähre langsam nach Süden vorarbeiten. Wahrscheinlich gibt es nur wenige geeignetere Orte auf der Welt, um zur Ruhe zu kommen und seine Gedanken hinaus über die zerklüfteten Buchten und Hügel zu schicken.

Am Abend des zweiten Tages verlassen wir die geschützten Kanäle zwischen den Inseln und begeben uns hinaus in offenes Gewässer. Die Wellen hier draußen wirken nicht gerade lebensgefährdend, trotzdem haben sie genug Kraft, um unseren Frachter in allen Achsen aus der Horizontalen bringen. Trudi und Oleg haben inmitten des Pazifiks ihren Spaß: Zum einen sind sie nach langer Zeit endlich wieder auf dem Ozean, zum anderen muss ein Besitzer von acht Tentakeln keine Sorge haben, bei der folgenden Welle gegen das nächstbeste Hindernis zu donnern. Als ich mich irgendwann gegen Mitternacht durch die Gänge hangele und in meine Koje stolpere, prüft mein Gleichgewichtsorgan kurz den Gedanken, eine kleine Revolution im Innenohr anzuzetteln. Irgendwie entscheidet es sich aber doch für einen Waffenstillstand mit den übrigen Organen und plötzlich ist das ungerichtete Rollen des Schiffes überaus angenehm. Es fühlt sich an, als würde unsere Fähre zur großen, stählernen Wiege, die die Reisegruppe auf ihrem Weg nach Patagonien in den Schlaf schaukelt. In dieser Nacht schlummere ich tiefer als all die Wochen zuvor und die vorbeifliegenden Träume gebärden sich so wild wie die Wellen des nächtlichen Pazifiks draußen an der Bordwand.

Am nächsten Morgen zeigt sich, dass der nächtliche Seegang seine Opfer gefordert hat: Die Gruppe der hungrigen Passagiere beim Frühstück ist deutlich dezimiert und manch einer verlässt bis zum frühen Nachmittag nicht seine Koje. Dann allerdings tauchen wir erneut in die Welt der Fjorde ein und verleben eine überaus ruhige Weiterfahrt. Doch auch der ruhige Kurs des Schiffes kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns immer weiter in Richtung Südpol bewegen. Draußen wird es deutlich kälter und  bereits die flachen Bergketten links und rechts der Fahrrinne hüllen sich in ein glitzerndes, weißes Gewand aus Schnee. Wir sind in der Wildnis angekommen!

Irgendwann erreichen wir wohlbehalten und ausgeruht Puerto Natales, das malerisch an einem Fjord mit dem wundervollen Namen „Última Esperanza“ liegt. Die Stadt ist ein kleines, verschlafenes Nest, das gegenüber den mächtigen Gipfeln der Cordillera Riesco irgendwie ein wenig verloren wirkt. Als wir die Amadeo zusammen mit Lastwagen, Muschelsäcken und sonstiger Fracht über die gewaltige Laderampe verlassen, scheint der Boden unter meinen Füßen immer noch ein wenig zu schwanken. Bevor ich mich jedoch mit Rucksack und Pulpos auf den Weg ins Städtchen mache, blicke ich noch einmal zurück auf die leicht betagte Fähre, die uns so zuverlässig hierher ins zentrale Nirgendwo gebracht hat. Und ganz im Stillen danke ich unserem guten Stern, dass wir in den vergangenen Tagen mit diesem Schiff unterwegs sein durften. Okay, es war mit Sicherheit schlicht, angerostet und hat seine Passagiere nicht unbedingt mit Komfort verwöhnt. Aber zumindest für mein Empfinden gibt es genau deswegen keine stilechtere und eindrücklichere Möglichkeit, um in den tiefen Süden Chiles zu reisen. Willkommen in Patagonien!

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6 Gedanken zu „Über den Fjord und in die Wälder

  1. Lieber Sven,

    Immer wieder großartig, von eurer aufregenden Reise zu lesen! Fast als wäre man dabei…
    Du solltest ernsthaft darüber nachdenken, den Blog mit den Bildern in Buchform zu veröffentlichen, dann brauchste auch keinen Job in Hannover!

    Liebe Grüße aus Oberhausen
    Nadine

    • Heeeello! Ach, das wäre gar fantastisch! Bezahltes Reisen und zwischendurch ein wenig Medizin als Hobby. Aber ich fürchte, alles, was ich hier gerade unternehme, wurde schon erlebt. Ich werd mir also wohl im Dezember doch einen medizinischen Arbeitgeber suchen müssen…und die Bloggerei weiterhin als Freizeitbeschäftigung betreiben. Egal, Kinderheilkunde ist auch fein 🙂

      Lieben Gruß aus Südpatagonien directamente nach Oberhausen,

      Sven

  2. Hallo Weltenbummler!
    Da bin ich ja froh, daß die Schweißnähte gehalten haben :).

    Stehen denn auch so profane Dinge wir Gletscher und Wale gucken auf dem Tentakelprogramm?
    Grüsse!

    • Piep! Bin just aus dem Nationalpark zurück, der auch Gletscher im Angebot hatte. Jetzt pfleg ich die Füße und kümmere mich um den entsprechenden Artikel sowie die Fotoausbeute. Bis Mittwochmorgen müsste das eigentlich klappen. Und weil irgendwie keine Wale auf meiner Route liegen, hab ich mich stattdessen für Pinguine entschieden 🙂

      Herzliche Grüße in die Heimat,

      Sven

  3. Puerto Montt bis Natales in 3-4 Tagen mit Schiff?? Das ist ja megaturbo. Wir ham von Quellón auf Chiloé bis Puerto Aisén schon 3 Tage gebraucht. Aber bei uns wars Schiffche n bissl kleiner. Wir haben gefühlt in jeder Bucht einer jeden Insel gehalten …
    In Ushuaia kannst du ggf. spontan nen läppisch günstigen Restplatz für ne 14-tägige Antarktisexpedition ergattern 🙂 Ich jedenfalls sitze gerade mit Tiefkülpizza und Stirnlampe vor Lötkolben und Rechner und fühle mich trotzdem wie im Urlaub =)
    *hüpf*

    • Yo, Michi!
      Unsere Fähre von Puerto Montt war wirklich nur für den Transport von großen, mächtigen Lastwagen nach Puerto Natales gedacht. Daher gabs unterwegs auch nur einen Zwischenstopp. Fühlte sich irgendwie trotzdem nicht wie der Express an 🙂 Von den Antarktis-Touren hab ich auch schon gehört. Allerdings werd ich in Ushuaia wohl keine 14 Tage mehr übrig haben. Man glaubt es kaum: Meine Zeit in Südamerika neigt sich ihrem Ende entgegen. Aber seh es schon kommen: Ich werde wohl nochmal zurückkommen müssen…

      Cordialmente,

      Sven

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