Fräulein Trudis Gespür für Schnee

Jedes Mal, wenn sich eine größere Expedition ankündigt, steht am Anfang die Logistik. Zwar plätschern unsere Tage in Puerto Natales beschaulich dahin, doch zur Vorbereitung unserer Woche im Nationalpark besteht reichlich Handlungsbedarf. Das mittelgroße Dorf direkt am Fjord liegt ein wenig abseits der Touristenströme und scheint den gemächlichen Lebensrhythmus zum Mantra erhoben zu haben. Dementsprechend schwierig erweist sich auch die Komplettierung der Ausrüstung vor Ort. Es gibt in Puerto Natales zwar richtige Supermärkte, aber schon der Erwerb eines unspektakulären Toastbrotes als kulinarische Trägersubstanz wird zur echten Herausforderung. Noch wesentlich frustraner als die Proviantierung gestaltet sich allerdings die Beschaffung von stichhaltigen Informationen über den Zustand der Wanderwege. Bei unserer Ankunft am Fjord ist der komplette nördliche Teil des Parks gesperrt, da die jährlichen Lawinen einen Teil des Wegenetzes völlig zerlegt haben. Wie lange die Reparaturen dauern, weiß irgendwie niemand so genau und welche Unterkünfte und Campgrounds momentan genutzt werden können, kann man anscheinend nur am örtlichen Vogelflug ablesen. Ach, was soll‘s: Mit dem heldenhaft erworbenen Toastbrot, ergänzt durch Wildnis-Mahlzeiten und Müsliriegel, werden Menschen und Pulpos dort draußen wohl auch alleine ein paar Tage zurechtkommen. An einem strahlend blauen Sonntagmorgen bringt uns der Bus schließlich in den Parque Nacional Torres del Paine.

Bevor man auf den malerischen Wanderwegen des Parks freigelassen wird, gibt’s erstmal eine kurze Einführung zum korrekten Verhalten im Naturschutzgebiet. Okay, eigentlich scheint es ja selbstverständlich, dass man nicht irgendwo im Nirgendwo ein lustig prasselndes Feuer entfacht oder auf die sensationelle Idee kommt, zur Schonung der Umwelt seinen Abfall gleich vor Ort zu verbrennen. Da sich im direkten Duell menschliche Blödheit jedoch zuverlässig gegen vernünftiges Handeln durchsetzt, scheinen die repetitiv vorgetragenen Ermahnungen wohl bitter nötig zu sein. Vor zwei Jahren hat es ein Besucher doch tatsächlich geschafft, beim Abfackeln seines Toilettenpapiers stolze 7% des Parks in eine qualmende Aschewüste zu verwandeln. Menschen sind wirklich bekloppte Tiere!

Nach der dringlichen Bitte, die Natur nicht als rauchende Einöde zu hinterlassen, erklärt uns der Ranger noch äußerst gut gelaunt, dass der gesamte nördliche Teil des Parks weiterhin gesperrt ist, alle Versorgungseinrichtungen geschlossen haben und man sich doch bitte irgendwo hier im Süden vergnügen soll. Na toll, damit verabschiedet sich der ausgearbeitete Wanderplan mit einem leisen „Bling“ ins Reich der Wunschträume und wir fangen mit unserer Planung wieder gaaanz von vorne an. Erfreulicherweise ist mein Dreimonatsvorrat an Flexibilität noch nicht völlig aufgebraucht, so dass ich mich erstmal auf der nächstbesten Wiese niederlasse und mir eine neue Wanderroute bastele.

Ganz so schrecklich wie befürchtet ist nördliche Vollsperrung letztendlich nicht, da auch im südlichen Sektor des Parks eine wundervolle Mehrtagestour entlang des gewaltigen Bergmassivs existiert. Als wir uns schließlich auf den Weg machen, weigern sich Oleg und Trudi mal wieder äußerst erfolgreich, unseren Rucksack zu tragen. Die beiden theatralisch hochbegabten Pulpos machen dabei eine fürchterlich herzerweichende Miene zu ihrem durchtriebenen Spiel. Ich hab im Laufe der letzten Monate von meinen Begleitern ja schon eine bunte Palette an Ausreden gehört, warum unser Reisegepäck naturgemäß auf meinem Rücken beheimatet sein sollte. Das Argument, man könne sich bei acht Armen einfach nicht entscheiden, über welche beiden man sich die Rucksackriemen stülpen soll, bekommt jedoch selbst in dieser exquisiten Auswahl einen sicheren Platz auf dem Siegertreppchen.

Und so machen sich zwei äußerst vergnügte unbeladene Tintenfische und ein ebenso vergnügter Zweibeiner mit großem Rucksack auf den Weg in den Nationalpark. Schon bald darauf ist die leichte Enttäuschung über die gesperrten Wanderouten verflogen. Denn auch die südlichen Gefilde, die wir nun betreten haben, entpuppen sich rasch als ein wahres Paradies auf Erden. Links und rechts rahmen schroffe Berghänge die dicht bewaldeten Täler ein, in deren tiefen Schluchten glasklare Bäche hinab in die Niederungen rauschen.

Jedes Mal, wenn wir der Meinung sind, nun wirklich jegliches Postkartenpanorama dieser wilden Bergwelt gesehen zu haben, überrascht uns der Park mit einer neuen spektakulären Aussicht, die die Reisegruppe staunend innehalten lässt. Nur die extremen Wetterbedingungen erinnern einen immer wieder aufs Neue daran, dass man sich mitten im Herzen Patagoniens befindet. Der böige Wind jagt den ganzen Tag lang weiße Wolkenfetzen über den Himmel und bläst an einigen Stellen des Hangs dermaßen heftig, dass selbst der sturmfest gebaute Münsterländer auf manchen Abschnitten des Bergpfades anfängt, ein wenig zu tänzeln.

Nach etlichen Stunden haben wir uns weit ins erste Tal unserer Wandertour vorgearbeitet und erreichen irgendwann müde und glücklich die finale Schutzhütte. Ich muss gestehen, an diesem Abend bin ich mehr als froh, bei dem tobenden Sturm dort vor dem Fenster nicht mit Zeltstangen und Heringen kämpfen zu müssen. Kaum ist die Nacht hereingebrochen, fallen Mensch und Pulpo in tiefen Schlaf, während der Wind draußen an den Wänden des Refugios rüttelt.

Die örtlichen Schutzhütten sind eine überaus unterhaltsame Erfindung. In den einfachen Zimmern mit sechs bis acht Betten findet man nach der absolvierten Etappe Schutz vor der Kälte und trifft jeden Tag auf eine neue Zimmergemeinschaft. Da kommt es schon mal vor, dass der Mexikaner im Bett nebenan wegen Alpträumen urplötzlich anfängt zu schreien und man eine äußerst surreale Nacht verlebt. Letztendlich habe ich aber verdammtes Glück mit meinen temporären Wohngemeinschaften: Irgendwo zwischen Bach, Löwenzahn und Gletschersee treffe ich auf zwei echt nette Mädels aus Lübeck, mit denen ich einen kurzen, aber lustigen Abend verbringe. Irgendwie hatte ich bis dato relativ erfolgreich ignoriert, wie sehr man doch zum Eigenbrötler wird, wenn man längere Zeit alleine durch die Lande zieht. Wahrscheinlich tut es mir ganz gut, für diesen kurzen Wimpernschlag meiner Reise mal wieder Teil einer flüchtigen Gruppe zu sein. Die wichtigen Erkenntnisse der Südamerika-Expedition überkommen einen wirklich in Momenten, in denen man sie am wenigsten erwartet.

Auch in den Folgetagen haben wir das meteorologische Glück fest auf unserer Seite. Während wir immer weiter in den Nationalpark vorstoßen, suchen uns nur kurze Regenschauer heim und selbst die Nacht im Zelt verleben Tintenfische und der Rucksackträger völlig unbeschadet. Anfangs wundere ich mich noch, wieso bei stabiler Wetterlage immer wieder ein gewaltiges Donnern zwischen den Berggipfeln zu hören ist. Bereits kurz darauf dürfen wir die tatsächliche Ursache mit eigenen Augen bestaunen: Das tiefe Grollen in den Bergen rührt von den abschmelzenden Schneemassen her, die von der Kante des Bergmassivs regelmäßig hinabstürzen und den Hang geräuschvoll unter sich begraben. Als wir an diesem Abend im Zelt liegen, stelle ich fest, dass das Donnern einer Lawine in sicherer Entfernung eine wohlig einschläfernde Wirkung ausüben kann. Was für ein Schauspiel, was für ein Tag!

Gegen Ende unserer Tour verlassen wir die grünen Ausläufer der Gebirgskette und begeben uns in eine zunehmend trostlose Landschaft. Trudi ist an diesem Morgen unruhig: Der Outdoor-Expertin unserer Gruppe zuckt es in fünf von acht Tentakeln – ein sicheres Zeichen dafür, dass uns ein heftiger Wetterumschwung bevorsteht. Kurz darauf fallen die ersten Schneeflocken, die der eisige Wind uns erbarmungslos in die Gesichter treibt. Mit angelegter Vollvermummung kämpfen wir uns mitten im Schneegestöber durch ein weites, ödes Gebiet, in dem vor wenigen Jahren die erwähnte Brandkatastrophe gewütet hat. Der Weg schlängelt sich durch verkohlte Ebenen voller schwarzer Baumstümpfe, so dass man eigentlich kurz hinter der nächsten Biegung das Zollhäuschen von Mordor vermuten würde. Doch auch trotz der Verwüstungen bleibt der Park mehr als beeindruckend. Als Finale der einwöchigen Wanderung führt uns unser Weg zum Glaciar Grey, einem mächtigen Gletscher zu Füßen des Gebirgsmassivs. Inmitten von Schnee und Fels erwartet uns eine bizarre Landschaft: Inmitten der schneebedeckten Gipfel ruht ein riesiger See, hinter dem sich in geheimnisvollem Blau die Kante des Gletschers abzeichnet. Die komplette Szenerie wirkt irgendwie trist…und ist doch wunderschön.

So anstrengend die Tage im Park auch gewesen sein mögen, so schnell fliegen sie doch an uns vorbei. Nach unserem Besuch verstehe ich gut, dass der Nationalpark Torres del Paine kurz davor steht, als achtes Naturweltwunder geadelt zu werden. Wer auch immer diese Landschaft arrangiert haben mag, hat auf jeden Fall einen militanten Hang zur Ästhetik bewiesen. Nach all den natürlichen Wundern der letzten Tage bin ich wirklich gespannt, was uns nun im äußersten Süden der Welt erwartet. Seid dabei!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

5 Gedanken zu „Fräulein Trudis Gespür für Schnee

  1. Morgen Outdoorer,
    Verbringen gerade eine Woche bei 20 grad auf Mallorca und müssen euch leider mitteilen, dass wir gestern an der ausgiebigen Fischtheke Pulpos in außerordentlich misslicher Lage entdeckt haben.

    Da sind deine beiden in der Wildniss doch noch sicherer.Vielleicht ermuntert das die beiden doch den ein oder anderen Brocken selbst zu schleppen 😉

  2. Hallo Sven, eigentlich möchten wir nicht, dass du wieder kommst. Wir fiebern jedem Wochenende entgegen. Nicht wegen BVB, Tatort oder arbeitsfreier Tage, nein. Da zieht eine dreiköpfige Reisegruppe quer durch Südamerika und nimmt uns mit auf eine wunderbare Reise. Eine kleine Anmerkung zu deinen achtarmigen Reisegefährten: du hast wahrscheinlich irgendwann verpasst, mal ein erzieherisches Machtwort zu sprechen. Das ist bei Töchtern auch wichtig, gelingt aber zugegebenermaßen nicht immer.Noch viel Spass und passt auf euch auf. Anne u Dirk

    • Piep! Ich habs mit der Erziehung während der Reise wirklich, wirklich versucht. Aber zum einen sind Oleg und Trudi zwei ganz besonders dickköpfige Exemplare ihrer Spezies und zum anderen befürchte ich, dass wir Kinderärzte die Sache mit dem dominanten Führungsstil nicht so richtig verinnerlicht haben. Immerhin haben meine Pulpos mir versprochen, sich als Gegenleistung in diesem Jahr um das Weihnachtsmenü zu kümmern. Ich bin gespannt!

      Herzliche transatlantische Grüße von Punta Arenas nach Dortmund,

      Sven

  3. Sven-bag-dad,

    How’s the trip going? Looks like you had some good weather for Paine. Great photos too.

    We are in El Calafate at the moment and flying to BA tomorrow. Hope to see you there for some asada and a lot of red wine!

    Lenny and Jorja.

    • Hey, you two!
      How great to hear from you! I made my way to the very south and stay actually Puerto Williams, really the absolute end of the world. Would be great to have a steak and a big bottle of red wine with you in Buenos Aires but I will arrive there at the 1st of december. If you are still/again there, will be my pleasure. Otherwise I will make my promise come true and visit you Down Under 🙂

      Muchos saludos de Puerto Williams,

      Sven

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s