Der Abgrund am Rande der Welt

Circuito Dientes de Navarino – diesen klangvollen Namen trägt die finale Unternehmung unserer Reise durch die Staaten Südamerikas. Der 50 Kilometer lange Rundwanderweg auf der Isla Navarino im tiefsten Patagonien wird selten benutzt und ist tatsächlich die südlichste Trekkingroute unseres Planeten. Doch bevor man sich mit Kocher, Zelt und Tintenfisch auf Erkundungstour in die absolute Wildnis begeben kann, müssen erlebnishungrige Reisende zunächst einmal ihren Weg nach Puerto Williams finden. Die kleine Inselhauptstadt ist Ausgangspunkt jeglicher Unternehmung dort unten und wird bisher nur von einer Handvoll abenteuerlustiger Touristen besucht. Dementsprechend spärlich fallen auch die Transportmittel aus, die einen in dieses Epizentrum des Nirgendwo bringen können.

Die eigentliche Anreise zum letzten Außenposten Chiles wird somit gleichzeitig zum ersten Kapitel unseres letzten Abenteuers. Nach drei entspannten Tagen in Punta Arenas mit kleinem Besuchsprogramm für neugierige Touristen machen wir uns schließlich mit der wöchentlichen Fähre auf den Weg nach Puerto Williams. Der Name verrät es nicht auf Anhieb, aber in den Köpfen und Herzen unserer Reisegruppe nimmt die 3000-Seelen-Hauptstadt einen ganz besonderen Platz ein. Puerto Williams ist wahrhaftig die südlichste Gemeinde des Planeten und stellt damit den geographischen Scheitelpunkt unserer dreimonatigen Expedition dar. Südlich von diesem Fleckchen Zivilisation erwartet den Betrachter auf der Lateinamerika-Seite im Atlas nur noch das berüchtigte Kap Hoorn sowie das endlose Eis der Antarktis. Für den staunenden Mitteleuropäer und seine beiden Tintenfische ist es daher auch nicht irgendeine Fähre, die wir im geschäftigen Hafen von Punta Arenas besteigen: Die „Yaghan“ ist dieses ganz besondere Schiff, das uns in den nächsten 30 Stunden bis ans Ende der Welt bringt!

Unsere Überfahrt ist eine monotone Rotation zwischen unzähligen Buchseiten, drei täglichen Mahlzeiten und erholsamer Meeresbeobachtung. Paradoxerweise verleben wir dennoch recht unruhige Stunden an Bord.  Nachts erfreut uns der Pazifik mit dermaßen starkem Wellengang, dass ich bis zum Sonnenaufgang im stetigen Wechsel Bekanntschaft mit der linken und rechten Lehne meines Schlafsessels mache. Die Ruhephasen in dieser Nacht bleiben daher äußerst überschaubar, während sich unsere Fähre unter stoischem Stampfen des Motors in Richtung antarktische Zone kämpft.

Einen Tag und eine Geisterstunde später legen wir endlich im mitternächtlichen Hafen von Puerto Williams an. Eigentlich war ausgemacht, dass uns der Meister des Hostals direkt an der Fähre abholt, damit wir uns nicht bei Nacht und Nebel in den winzigen Straßen des kleinen Örtchens verlieren. Da an der Hafenmole jedoch jegliches Empfangskomitee ausbleibt, schultere ich schließlich doch unseren Rucksack und mache mich mit den beiden Pulpos in der Jackentasche auf die Suche nach unserer Herberge. Da ich ja fanatischer Anhänger des berühmten Planes B bin, habe ich mir eigentlich recht gut eingeprägt, in welche Ecke des Dorfes wir unsere Schritte lenken müssen. Dunkelheit, peitschender Regen und diverse Baustellen sorgen allerdings dafür, dass die Wegfindung sich doch wesentlich schwieriger gestaltet als angenommen. Hand aufs Herz, zu diesem Zeitpunkt droht meine Laune tatsächlich auf das Niveau der örtlichen Außentemperaturen zu sinken, während aus meiner Jackentasche nur noch fröhliches Gekicher und das Klimpern von Weingläsern zu vernehmen ist!

Doch auch inmitten dieser regnerischen Einöde hat der gute Stern unserer Reise ein segensreiches As im Ärmel: Da wir im wohlorganisierten Chile zu Gast sind, befindet sich selbst im letzten Dorf vor der Antarktis mitten in der Nacht ein Geländewagen der Carabiñeros auf Streife. Kurzentschlossen tigere ich zu den Ordnungshütern und frage äußerst höflich, ob sie vielleicht eine Ahnung haben, wo sich in diesem patagonischen Unwetter das gesuchte Hostal versteckt hält. Es kommt besser als erhofft: Die beiden Polizisten und ihre Kollegin kennen nicht nur den Weg zu unserem Nachtlager, sondern bedeuten mir sogar, das Gepäck auf die Ladefläche zu werfen und einzusteigen. Und so wird uns im tiefsten Süden des Globus das Glück einer eigenen Polizei-Eskorte zuteil, die die Reisegruppe mit rot blinkendem Blaulicht zu ihrer Unterkunft chauffiert. Man reist wahrlich für die bunten Geschichten, die man unterwegs erlebt!

Eigentlich hätte die Anekdote mit dieser Pointe ein würdevolles Ende gefunden, wenn meine Herbergseltern nicht mit einen wirklich gesunden Schlaf gesegnet wären. Weder ausdauerndes Schellen noch heftiges Klopfen können die beiden dazu bewegen, das Reich des Sandmännchens kurz zu verlassen und uns die Tür zu öffnen. An diesem Ort werden wir heute wohl nicht zur Ruhe kommen, so dass ich mich schon mit dem Gedanken anfreunde, zur Fähre zurückzupilgern und mir dort ein trockenes Plätzchen zu suchen. Dieser Plan ist allerdings gar nicht im Sinne der großherzigen Polizisten, die mir mitteilen, dass sie uns nun zu Rosalia bringen, die zwei Straßen weiter ebenfalls ein Hostal betreibt. Artig bedanke ich mich, bevor wir uns auf den Weg zu Rosalias Etablissement machen, in dessen Fenstern sogar noch Licht brennt. Dummerweise verpasst der große Drehbuchschreiber an dieser Stelle zum zweiten Mal die Gelegenheit, der Geschichte einen glücklichen Ausgang und der Reisegruppe ein warmes Bett zu verpassen! Auf mein Klopfen hin öffnet ein seeehr seltsamer Typ in langer Unterwäsche, von dem ich gar nicht wissen möchte, ob er zu den Gästen zählt, zum Personal gehört oder an diesem Ort rein gar nichts verloren hat. In ziemlich unbeholfenem Spanisch erklärt mir der komische Feinripp-Geist, dass in Rosalias Herberge leider nichts mehr frei ist. Willkommen in der patagonischen November-Version der Weihnachtsgeschichte!

Glücklicherweise haben sich meine Polizei-Freunde wohl in den Kopf gesetzt, den durchnässten Münsterländer und seine beiden Tintenfische in dieser unfreundlichen Nacht trocken irgendwo unterzubringen, so dass sich der Streifenwagen mit seiner bunten Besatzung erneut in Bewegung setzt. Dieses Mal schaffen wir es allerdings nur bis zur nächsten Kreuzung, wo meine neuen Lieblings-Uniformierten mit Rotlicht und Sirene einen klapprigen Lieferwagen zum Stehen bringen. Wahrscheinlich schaue ich in diesem Moment etwas ratlos, aber die junge Polizistin erklärt mir lachend, dass der gestoppte Wagen José gehört, der ebenfalls in der Hostalbranche tätig ist. Erfreulicherweise hat José ein freies Bett im Angebot, so dass Reisegruppe und Gepäck mitten auf der geschotterten Kreuzung das Gefährt wechseln. Okay, eigentlich ist Josés Herberge das letzte Loch, in dem man freiwillig nicht mal sein Gepäck abstellen würde. Die quietschenden Stahlbetten wirken wie ausgemustertes Gefängnisinventar und das Bad wäre eine wahre Spielwiese für jeden Mikrobiologen. Aber mit Blick auf die Uhr und die meteorologischen Rahmenbedingungen ergeben wir uns dem ranzigen Charme unserer Unterkunft und besteigen kurz darauf den wohlverdienten Traumland-Express – dieses Mal halt in einem wirklich gammeligen Bahnhof!

Als die Sonne hinter den schneebedeckten Bergen aufgegangen ist, ziehen Menschen und Wirbellose in ihr unverschämt gemütliches Original-Hostal um. Irgendwie dachten Julio und Gaby, wir würden erst am nächsten Tag bei ihnen aufschlagen und haben daher auch nicht auf unser Eintreffen gewartet. Den beiden herzensguten Chilenen kann man jedoch einfach nicht böse sein und so verbringen wir ein unbeschwertes Wochenende zwischen knisterndem Ofen und schnurrender Hauskatze. Puerto Williams ist wirklich ein beschauliches Dorf: Jeder kennt hier jeden und da ausnahmslos alle Häuser lediglich mit Holz beheizt werden, liegt über der gesamten Siedlung ständig der vertraute Geruch von heimeligem Kaminfeuer.

Am Montag darauf enden die  fröhlichen Tage des Müßiggangs! Mit Zelt, Schlafsack und reichlich Verpflegung im Gepäck kehren wir dem letzten Außenposten der Zivilisation den Rücken und steigen hinauf in die Berge. Spätestens als wir die Baumgrenze erreicht haben, demonstriert uns Patagonien eindrücklich, warum in früheren Zeiten nur Schwerverbrecher in diese Gegend verfrachtet wurden. Heftige Sturmböen zerren an Jacke und Rucksack, während wir die steinige Einöde oberhalb des Beagle-Kanals durchwandern. Auf einem oftmals nur angedeuteten Pfad bewegen wir uns vorsichtig entlang der Berghänge, bis schließlich auch die letzten Zeichen menschlicher Besiedlung aus unserem Blickfeld verschwunden sind. Je weiter wir in die Täler vordringen, desto problematischer wird der Schnee entlang des Trails. Was bei uns zuhause einen malerischen Winter ausmacht, mutiert hier oben zu einer wirklich hinterhältigen Angelegenheit. Der Schnee verschleiert komplett das Untergrundprofil und macht jedes Auftreten zum absoluten Glücksspiel. Um der Sicherheit willen ist man daher gezwungen, alle weißen Flecken komplett zu umgehen, was auf einem Steilhang in ziemliche Kletterei ausarten kann. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wird der Weg heimtückischer bis wir schließlich nur noch im Schneckentempo vorankommen.

Und dann ist endgültig Schluss! Die Reste des Pfades verschwinden vollends unter den Schneewehen, so dass ein Weitergehen nur bei ernstgemeinten suizidalen Absichten empfehlenswert wäre. Zu unserer Rechten gähnt ein dermaßen steiler Abgrund, dass ich mir in diesem Moment lieber keine Gedanken über die Folgen eines eventuellen Fehltrittes mache. Auf den letzten Metern habe ich das erste Mal in all den Monaten das Gefühl, nicht mehr Herr der Lage zu sein. Es hilft nichts: In Zeitlupe verlassen wir den rutschigen Steilhang und kehren in einem vierstündigen Gewaltmarsch nach Puerto Williams zurück.

Nach Einbruch der Dunkelheit sitze ich mit Oleg und Trudi am wärmenden Ofen und lasse diesen seltsamen Tag noch einmal Revue passieren. Natürlich nagt die Enttäuschung an mir, denn ich hatte mich wirklich darauf gefreut, vier Tage lang mit dem Rucksack durchs unberührte Nirgendwo zu ziehen. Bereits der halbe Tag, den wir in den abgelegenen Tälern der Isla Navarino unterwegs waren, gewährte uns einen kleinen Einblick in die raue Schönheit dieses letzten Zipfels Patagoniens. Gleichzeitig bin ich aber auch unglaublich erleichtert, die stürmischen Berge heile verlassen zu haben. In einen Abgrund am Rand der Welt zu stürzen, wäre zwar ein spektakuläres aber irgendwie auch unschönes Finale unserer Reise gewesen.

Doch wie jede Entscheidung so hat auch unsere Umkehr auf dem Bergpfad ihr Gutes: Nach Abbruch der Tour bleiben uns noch ein paar ruhige Tage für Bücher, Fotos und das Verfassen dieses Berichtes in Puerto Williams – dem kleinen, charmanten Dorf am Ende der Welt!

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11 Gedanken zu „Der Abgrund am Rande der Welt

  1. Schön zu lesen, und nimmt einen mit auf die andere Seite des Globus. Liege grad im schmuddeligen 2-Sterne-Hotel auf der Schaumstoff-Matratze und überlege, wie es wohl sein mag, wenn man anstatt im herbstlichen Antibes im Winter drunten wäre. Immerhin hast Du Deinen Rucksack dabei, während der Kranich mich hier nur mit den Sachen am Leib abgesetzt hat. Das übrige steht noch in Frankfurt.
    Mit gezogenem Hut,
    Tobias

    • Hey, Brucki! Ich muss gestehen, ich musste erst mal nachschauen, wo Antibes überhaupt liegt. Kriegt man vom Kranich nicht so’n Überlebenspaket aus Zahnbürste, T-Shirt, etc. wenn er die Sachen verschludert hat? Wir sollten auf jeden Fall alle bald zurückkehren. Bis dahin wünsch ich dir möglichst dicken Schaumstoff und einen baldigen Koffer.

      Herzliche Grüße aus Ushuaia,

      Sven

  2. Ach Sven,

    Immer wieder schön von Dir zu lesen! Habe Trudis, Olegs und deine Abenteuer die ganzen letzten Wochen verfolgt und hätte einen Absturz am südlichen Ende der Welt wirklich bedauerlich gefunden.
    Ich hoffe die letzten Tage gestalten sich noch unfallfrei!

    Liebe Grüße
    Nadine

  3. Bei Deinen Berichten schwanke ich gefühlsmäßig zwischen „toll, macht mich neidisch“ und „völlig bescheuerte Reise“. Deine letzten Erlebnisse gehen eher in die letztere Richtung. Gut, dass Dir nichts passiert ist. Wir freuen uns, wenn Du gesund und munter wieder nach Deutschland kommst.

    • Piep! Ja, ich freu mich auch, wwenn ich wieder heile in der Heimat gelandet bin. Im Übrigen ist das Gefühl unterwegs genau das Gleiche: Meistens bin ich von der Reiseroute total begeistert. In Situationen wie neulich am rutschigen Hang beschleicht mich dann wieder ganz plötzlich der Gedanke: Warum tust du dir das eigentlich an??? Na ja, auf jeden Fall gehen mir so nie die berichtenswürdigen Ereignisse für den Blog aus. Und schließlich reist man ja auch für die Geschichten, die man erlebt…sonst hätten wir heute zum Beispiel keine Klonkisse im Münsterland 🙂

      Lieben Gruß aus Ushuaia,

      der Reise-Klonkis

  4. Hallo svenno, bin auch froh, dass du vom Berg wieder runter bist… Und wir freuen uns alle auf unser Wiedersehen !!! Bis Bild und eine schöne Zeit noch, barbara , Bastian und Emma

    • Hallo, Ersatzfamilie! Wie schön, von euch zu lesen. Wie versprochen hab ich wirklich gut auf mich aufgepasst, damit das mit dem Wiedersehen auch wirklich klappt 🙂 Ich freu mich inzwischen auch schon wie doof darauf. Lieben Gruß aus Ushuaia!

  5. Hallo Sven, wir zwei Nachteulen Kirsten (die Hubschrauber Kotzmarie) und Katastrophen- Birgit erfreuen uns gerade an deinen Bericht und haben die C23 so leichter ertragen. Wir fragen uns jedoch, wer es besser hat. Danke für den netten Bericht und noch viele schöne Momente, liebe Grüße die zwei Alten 🙂

    • Hey, Grüße von der Front 🙂 Ick freu mir! Lieben Gruß und einen wonnigen Gedanken zurück: Wenn ihr wirklich alt wäret, dürftet ihr nicht mehr die C23 bespaßen. So sieht’s aus…

  6. Hallo Herr Gahr, so nah am Ziel sind wir doch froh zu hören, dass dich die Berglandschaft wieder heile ausgespuckt hat. Da scheint ein Spaziergang auf dem Weihnachtsmarkt so ungemein trivial und unspektakulär. Dennoch freuen wir uns auf den gemeinsamen Glühwein. Lass es Dir gut gehen, MSA

    • Piep! Ich dachte ja eigentlich auch, dass ich nur noch ein wenig Tourist spiele und dann erholt in die Heimat zurückkehre. Jetzt ist allerdings doch wieder so viel passiert, dass der nächste Bericht schon Sonntag kommt. Danach noch kurz Buenos Aires, bevor wir uns endlich, endlich durch den Dezember glühweinen…

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