Schneekrallen in Disneyland

Halb froh, die letzten Tage gut überstanden zu haben, halb traurig, uns von diesem netten Fleckchen Erde verabschieden zu müssen, verlassen wir an einem sonnigen Freitag das liebgewonnene Puerto Williams. Bis zuletzt war ziemlich unvorhersehbar, ob wir nach Ushuaia auf der anderen Seite des Beagle-Kanals übersetzen können. Bei stürmischem Wetter – und das beehrt einen hier mit schöner Regelmäßigkeit – wird die Überfahrt ersatzlos gestrichen und man sitzt bis auf Weiteres im hintersten Winkel der Welt fest. Irgendwie doof bei gerade mal drei Schiffsverbindungen pro Woche! Glücklicherweise haben wir mit unserem Abreisedatum einen gar wundervollen Frühlingstag zwischen zwei Tiefdruckgebieten erwischt, an dem man sich eher Gedanken um den Lichtschutzfaktor als um die Notwendigkeit einer Schwimmweste machen muss. Wenig später durchquert unser kleines Boot bei strahlend blauem Himmel und glattgebügelter See den majestätischen Beagle-Kanal und passiert damit die nächste Landesgrenze. Willkommen in Argentinien!

Im Hafen von Ushuaia stehen zunächst die üblichen Einreiseformalitäten auf dem Programm, bevor es mit Sack und Pack in Richtung Hostal geht. Die Stadt am argentinischen Ufer des Beagle-Kanals ist wirklich der krasse Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester auf chilenischer Seite. Die großen Kreuzfahrtschiffe im örtlichen Hafen lassen regelmäßig gewaltige Touristenhorden frei, die sich reflexartig auf die Jagd nach Mitbringseln vom Ende der Welt machen. Das gesamte Stadtzentrum gleicht einem riesigen Disneyland, das komplett darauf ausgerichtet ist, die Besucherschaft in der kurzen Zeit ihres Landgangs von möglichst viel lästiger Barschaft zu befreien. Erschwerend kommt hinzu, dass man beim Bummel zwischen Schokolade, Schnaps und Kitsch ständig über irgendein „Südlichstes Tralala der Welt“ stolpert. Bereits am zweiten Tag wünsche ich mir heimlich ein wenig beschleunigten Kontinentaldrift, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Ushuaia in den Golf von Mexiko! Irgendwie scheint man in dieser Stadt ein wenig übersehen zu haben, das Puerto Williams noch eine ganze Kanalbreite weiter südlich liegt. Allerdings veranstaltet das kleine, bescheidene Dorf längst nicht so einen Wirbel um seine exklusive geographische Lage.

Aber was soll’s: Nach den Erlebnissen in den Bergen ist dieser Themenpark der käuflichen Scheußlichkeiten genau das richtige Kontrastprogramm für unsere Reisegruppe. Doch neben den Sozialstudien auf dem Einkaufsboulevard gibt es noch einen weit gewichtigeren Grund, in Ushuaia für einige Tage Station zu machen. Nach all den wundervollen Dingen, die wir in den letzten Monaten erlebt haben, fehlt noch ein unumgänglicher Programmpunkt, der größtenteils dafür verantwortlich ist, dass ich unbedingt bis nach Feuerland reisen musste: Die Pinguine! Vielleicht liegt es einfach daran, das die tierische Population des Münsterlandes zum überwiegenden Teil aus glücklichen Kühen besteht – auf jeden Fall muss ich die kleinen, niedlichen Frackträger einmal in ihrem natürlichen Lebensraum besucht haben, bevor wir nach Europa zurückkehren.

Schnell ist eine Agentur gefunden, die ausschließlich mit allerkleinsten Gruppen hinaus zur Pinguinkolonie fährt. Und so machen wir uns an einem Tiefdruck-Mittwoch per Schlauchboot auf den Weg zur Pinguininsel. An diesem Tag haben wir weniger Glück mit den Windverhältnissen und mir wird langsam klar, warum der Beagle-Kanal nur an windarmen Tagen sicher zu befahren ist. Obwohl wir uns die ganze Zeit über in Küstennähe bewegen, donnern recht beeindruckende Wellen gegen die Bootsaufaufbauten, so dass unsere Überfahrt zu einem reichlich feuchten Vergnügen mutiert. Doch als ich meinen Fuß schließlich auf den Strand der felsigen Insel setze, entschädigt der einmalige Anblick für jede mittschiffs gebrochene Welle. Ich wusste ja vorher, dass Pinguine zu den militant niedlichen Kreaturen unseres Planeten zählen, aber all die umherwatschelnden Magellanpinguine sind noch tausendmal possierlicher als hinter jeder Glasscheibe im Zoo. Vielleicht ist es daher ganz gut, dass die Pinguinbabys gerade erst schlüpfen und frühestens im Januar ihren Platz in der Gruppe einnehmen. Bei einem Strand voller Babypinguine hätte ich aufgrund der geballten Ladung Niedlichkeit sonst wahrscheinlich sofort angefangen zu krampfen. Witzigerweise stehen zwischen all den schwarz-weißen Magellan- und Eselspinguinen noch zwei weitere Exemplare, die so gut in die Gruppe passen wie ein Elefant in eine Antilopenherde. Seit einigen Wochen sind auf der kargen Kanalinsel zwei beeindruckend große Königspinguine zu Gast, die sich zwischen all ihren kleineren Verwandten recht wohl zu fühlen scheinen. Niemand weiß genau, woher sie kommen und was sie hier wollen, aber für uns machen die beiden Urlauber diesen Ausflug vollends zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Mit dieser wundervollen Tour haben der Münsterländer und seine Pulpos eigentlich alles erlebt, was nötig wäre, um mit einem Rucksack voller Erinnerungen in die Heimat zurückzukehren. Da wir jedoch noch ein wenig Zeit in Ushuaia verbringen, schlägt uns Rosario aus unserem Hostal vor, an einem der folgenden Tage eine geführte Tour zur malerischen Laguna Esmeralda ganz in der Nähe der Stadt zu buchen. Mir selbst gefällt die Idee, zumal dieser Ausflug fürs Erste meine letzte Wanderung durch die sagenhafte Landschaft Feuerlands sein wird. Oleg und Trudi entscheiden sich stattdessen dafür, einen Spieletag im Hostal einzulegen. Nach all den Strapazen auf der Isla Navarino sind die beiden eher an gemütlichen Stunden in der Nähe der Heizung mit ein paar Runden Oktopus-ärgere-dich-nicht und Acht-gewinnt interessiert.

So mache ich mich also in einer gut erträglichen Mischung aus Sonne und Schnee mit einem weiteren Gelände-Gänger und Daniel, unserem Guide, auf den Weg, um noch ein letztes Mal die Schönheit der Tierra del Fuego zu genießen. Eigentlich wäre diese Episode bis hierher nicht berichtenswert, denn auch der sporadische Leser dieses Blogs wird inzwischen mitbekommen haben, dass Patagonien zum Schönsten gehört, was unser Planet an natürlichen Landschaftsgemälden zu bieten hat. Der Charakter dieser Anekdote ändert sich jedoch schlagartig, als Daniel vor Betreten des Wanderpfades Seil, Klettergurte und Eiskrallen für die Stiefel in seinen Rucksack lädt. Auf Nachfrage erklärt er mir fröhlich, dass wir uns gleich auf den Weg zur Lagune machen, um danach dem Gletscher hoch oben in den verschneiten Bergen einen kleinen Besuch abzustatten.

Okay, mein Spanisch ist bestimmt nicht perfekt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass bei der Tourbeschreibung nie die Rede von Eiswandern und Gletschertrekking war. Egal, unser Guide wirkt wirklich vertrauenswürdig und in jedem Fall können wir uns ja erst einmal auf den Weg machen. Sollte sich das ganze Unternehmen als zu gewagt herausstellen, habe ich im Abbruch heikler Bergtouren ja inzwischen ein wenig Übung. Ich weise Daniel noch kurz darauf hin, dass ich aus dem eiszeitlich plattgewalzten Münsterland komme und daher eher keine Alpin-Ballerina bin. Auch die gefährlich aussehenden Eiskrallen kenne ich eigentlich nur aus Hollywood-Filmen, in denen bis zum dramatischen Ende mindestens zwei Menschen auf Nimmerwiedersehen in einer tiefen, blauen Gletscherspalte verschwinden. Unser freundlicher Guide meint jedoch, das alles sei kein Problem und er würde uns ganz bestimmt wieder heile im Hostal abliefern.

So komme ich also völlig unverhofft zu meiner ersten Gletschertour und lerne an diesem Nachmittag eine ganze Menge nützlicher Dinge: Ich weiß jetzt, wie man sich Schneekrallen unter seine Schuhe bastelt, wie man sich am Hang in einer Seilschaft bewegt und unter welchen Bedingungen ein verschneiter Hang lawinengefährdet ist. Letztendlich ist es eine unglaublich tolle Erfahrung und obwohl wir bis kurz unter die Gletscherkante steigen, fühle ich mich unterwegs nicht eine Minute lang unsicher. So hält das Disneyland Argentiniens schelmisch lächelnd doch noch ein wenig Nervenkitzel bereit und mir wird völlig ungeplant ein spektakuläres Finale unserer Zeit in der Wildnis zuteil.

Auf dem Rückweg ins Tal wartet dann noch eine kleine unverhoffte Zugabe am Wegesrand: Zwei geschäftige Biber, sonst eigentlich nachtaktiv, sind trotz praller Nachmittagssonne putzmunter und vergnügen sich in ihrem riesigen Stausee. Für mich sind die putzigen Nager mit ihren perfekten Dammkonstruktionen unglaublich tolle Tiere, bei den Einheimischen hält sich die Freude über die raspelnde Gemeinde jedoch in Grenzen. Eine durchschnittliche Biber-Kleinfamilie mit vier pelzigen Personen schafft es in kürzester Zeit, ein komplettes Tal zu Kleinholz zu verarbeiten und in eine einzige Sumpflandschaft zu verwandeln. Vielleicht war es damals doch keine so brillante Idee, in Patagonien 25 Biberpaare zur reichlichen Pelzgewinnung auszuwildern. Da die kleinen Zahnpasta-Werbeträger hier keine natürlichen Feinde haben, ist die Population mittlerweile auf über 100.000 Tiere angewachsen. Der Biber fühlt sich offensichtlich wohl auf Feuerland. Doch trotz aller Kritik an den mopsigen Meisteringenieuren ist diese Begegnung ein grandioser animaler Schlusspunkt meiner Exkursion in die Berge!

Und so bewahrheitet sich an diesem besonderen Tag auch im schönen Argentinien, was ich für diesen Blog vielleicht langsam als Textbaustein speichern sollte: In Südamerika weiß man tatsächlich niemals, welche unerzählte Geschichte einen hinter der nächsten Biegung erwartet. Oder um es mit Dog Eat Dog, den großen Alltagsphilosophen meiner Jugend zu sagen: Expect the Unexpected!

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8 Gedanken zu „Schneekrallen in Disneyland

  1. Lieber Sven,
    Beste Grüße aus dem Norden!

    Wieder ein sehr schöner Artikel wobei zum Ende Deiner Reise durchaus auffällt, dass Du es geschafft hast die komplette Fotogallerie ohne einen einzigen Mitmenschen drauf zu gestalten. Dafür aber Pinguine, Biber und ne Menge schöber Natur!

    Da braucht man wohl ein paar Monate Reisen für :).

    Wann geht’s denn zurück für Euch?

    • Piep! Na ja, das liegt wohl größtenteils daran, dass Menschen außerhalb der Städte in diesen Breiten wirklich ein seltener Anblick sind. Wahrscheinlich bin ich bei Rückkehr in die Heimat völlig desozialisiert. Freitag gehts bereits in Richtung Flughafen, wobei ich wegen Zeitverschiebung und der 14.000 Kilometer erst am Samstag lande. Und dann seh ich zu, dass ich mich bei euch wegen Eisgrillen etc. melde 🙂

      Herzliche Grüße aus Buenos Aires,

      Sven

      • Euch eine schöne letzte Woche! Hier scheint auch zwischenzeitlich mal die Sonne. Nur 30 Grad haben wir seit dieser Woche halt nicht mehr ganz…
        Der Grill steht bereit 🙂

      • Hier wirds auch langsam erträglicher. 22 Grad und Sonne – perfekt für den neugierigen Touristen. Aber ich freu mich echt auf den altbekannten Winter…mit Grill 🙂

  2. Scheint der ideale Ort zu sein, um sich selbst zu verlieren.
    …oder was wahrscheinlicher ist: sich selbst zu finden.

    Durch die Menschenleere und die Klarheit der Bilder kommt mir das Land so frostig kalt vor.
    Hat was postapokalyptisches. Mit Pinguinen als Wächter des Tageslichts… oder so 🙂

    Genieß die Restzeit und komm gut zurück,
    von „heim“ will ich bei einem Weltenreisenden nicht unbedingt sprechen.

    Gruß,
    Arne

    • Yo, Arne,
      ehrlich gesagt ist mir erst bei den Kommentaren aufgefallen, dass wirklich alle Bilder menschenleer sind. Egal, die kopier ich später mit Fotoshop rein. Aber in der Tat hat man in Patagonien seeeehr viel Zeit mit sich selbst. Ziemlich gut zum Nachdenken und sich vielleicht irgendwann vor der CIA zu verstecken 🙂 Hmm, und wenn die Pinguine wirklich die Tageslichter-Behüter wären, hätte die Postapokalypse zumindest einen niedlichen Aspekt. Und sag ruhig „heim“…irgendwie ist in den letzten Wochen das Wort „Heimat“ immer wichtiger geworden. Auch so eine neue Erkenntnis der letzten Monate…

      Herzlichen Gruß aus Buenos Aires (plötzlich bei 30 Grad),

      Sven

    • Piep! Ich bin auch ziemlich hin und weg von dieser Stadt. Ich mach mich gleich mal ans imperative Touristenprogramm und dann gibts Samstagmorgen hoffentlich den finalen Artikel. Einziger Kritikpunkt: Keine Pinguine in Buenos Aires 😦

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